Archiv Bürgerbewegung Leipzig e.V.

Gefördert durch die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur

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Überschrift
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Am 19. Juni 1984 trifft die bulgarische Parteiführung den Beschluss, die türkische Minderheit im Land gewaltsam zu „bulgarisieren“.
Türkisch klingende Namen in den Personalausweisen werden slawisiert, der Gebrauch der türkischen Sprache in der Öffentlichkeit verboten, zahlreiche Moscheen geschlossen, religiöse Bräuche verboten. Auf den Friedhöfen werden selbst die Namen der Verstorbenen auf den Grabsteinen geändert.

Für die Umsetzung des Parteibeschlusses besetzen bewaffnete Polizisten die Dörfer und zwingen die Menschen zum Rathaus, wo ihnen die neuen Ausweise ausgehändigt werden. Die Auswahl der Namen erfolgt wahllos. Aus dem slawisierten Vornamen des Vaters wird der neue Nachname gebildet. Da es für viele türkische Vornamen keine Entsprechung gibt, passiert es leicht, dass in unterschiedlichen Dörfern lebende Familienmitglieder unterschiedliche Nachnamen erhalten. In einem Dorf wird aus Mehmet „Milan“ in einem anderen „Martin“. Entsprechend ergibt sich für den Nachnamen der verwandten Kinder dann „Milanov/a“ oder „Martinov/a“.

Erfolgreiche Bulgarisierung - Propagandafoto von türkischen Kindern, Varna 1986 | Quelle: lostbulgaria
Erfolgreiche Bulgarisierung - Propagandafoto von türkischen Kindern, Varna 1986 | Quelle: lostbulgaria

Ohne Reaktion bleibt das Vorgehen bei der bulgarischen Bevölkerung. Diese ist durch die staatliche Propaganda zum Großteil davon überzeugt, dass die türkische Minderheit eine Gefahr für Bulgarien darstellt. Die Propaganda schürt türkische Autonomiebestrebungen, a la Zypern, die von der Türkei unterstützt werden. Mit der Schaffung von „Ängsten“ gelingt es der Partei gleichzeitig, von den schlechten Lebensbedingungen abzulenken.

Der enorme Druck auf die türkische Minderheit hat jedoch nicht den beabsichtigten Effekt. In vielen türkischen Familien leben nun längst vergessene Bräuche wieder auf: Man bemüht sich um die türkische Sprache und interessierte sich wieder für den islamischen Glauben.

Als unmittelbare Reaktion erschüttern zwei Sprengstoffanschläge das Land

Varna 1980er Jahre; Quelle: lostbulgaria Plovdiv 1980er Jahre; Quelle: lostbulgaria

Am 30. August 1984 explodiert eine Bombe auf dem Parkplatz des Flughafens von Varna, eine halbe Stunde später eine weitere im Wartesaal des Bahnhofs in Plovdiv. In Plovdiv kommt ein Mensch ums Leben, 42 weitere werden verletzt. Staatschef Schiwkow soll an diesem Tag beide Städte besuchen. Die Anschläge werden der türkischen Minderheit zugeschrieben.

Kino von Momchilgrad 1980er Jahre | Quelle: lostbulgariaAm 27. Dezember 1984 protestieren tausende bulgarische Türken vor den Rathäusern in Momchilgrad und in Bekonvski.
Die Polizei feuert in die Menge, es gibt Tote und Verletzte. Zahlreiche Personen werden verhaftet und in Belene inhaftiert.

 

Am 9. März 1985 explodiert nahe dem Bahnhof von Bunowo eine Bombe im Zug von Sofia nach Varna. Unter den sieben Toten sind auch drei Kinder. Auch dieser Anschlag wird in Zusammenhang mit der Assimilierungspolitik gebracht. 1988 werden dafür drei Türken aus Burgas zum Tode verurteilt.
Im Juli 1985 gründet sich die „Türkische Nationale Befreiungsbewegung in Bulgarien“. Man versucht vor allem, die Weltöffentlichkeit, die von den Vorgängen in Bulgarien kaum Notiz nimmt, zu informieren. Dafür bedient man sich vor allem des Senders Radio Free Europe.

Themenblock Bulgarien

Sonne garantiert – Die „Riviera“ der DDR

In Bulgarien gewinnt der Fremdenverkehr als Wirtschaftsfaktor seit Beginn der 1960er Jahre zunehmend an Bedeutung. Beträgt die Zahl ausländischer Touristen 1960 noch 150.000, kommen 1967 bereits 1,6 Millionen nach Bulgarien – eine Verzehnfachung innerhalb von nur sieben Jahren. 43 Prozent von ihnen stammen aus dem westlichen Ausland und bringen die begehrten Devisen mit.

Tot oder lebendig - Flucht fernab der DDR

In der DDR erfährt man wenig über geglückte oder misslungene Fluchtversuche über Bulgarien. Auch die Westmedien berichten kaum etwas darüber. Daher verbreitet sich in der DDR die fatale Vorstellung, es sei weniger gefährlich, über Bulgarien „abzuhauen“. Durch die geografische Entfernung wähnt man sich außerdem weit weg der DDR-Kontrolle.


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