Archiv Bürgerbewegung Leipzig e.V.

Gefördert durch die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur

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Der Meister und sein Schatten

Überschrift
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Sowjetisches Staatsfernsehen: „Einheit der Völker aller sozialistischen Länder“
Im Juni 1958 nimmt der sowjetische Staats- und Parteichef Chruschtschow den Parteitag in Sofia zum Anlass, um mit Tito im benachbarten Jugoslawien abzurechnen. Er bezichtigt ihn erneut des „Revisionismus“, weil er die Führungsrolle der Sowjetunion nicht anerkennt. Da alle „Bruderparteien“ anwesend sind, gibt Chruschtschow gleich für alle die neue politische Richtung vor. (Quelle: net-film)

Quelle: lostbulgaria
Quelle: lostbulgaria

Chruschtschows Rede kann sich Tscherwenkow (1. Reihe 2.v.r.) noch anhören. Danach macht sich Schiwkow (Mitte) sogleich ans Werk, in seiner eigenen Partei „aufzuräumen“. Er zwingt Tscherwenkow als Kultur- und Bildungsminister zurückzutreten. Als „Säuberungs“-Spezialist war dieser erst im Jahr zuvor eingesetzt worden, um das „Tauwetter“ im Zuge der Entstalinisierung in der bulgarischen Kulturszene zu beenden.

Schiwkow kann seine Macht mit Hilfe Chruschtschows weiter ausbauen. Er übernimmt uneingeschränkt die sowjetische Politik für Bulgarien und folgt seinem Vorbild auf Schritt und Tritt.

 

Der „Große Sprung“

Die ambitionierte wirtschaftliche Entwicklung der 1950er Jahre ist in die bulgarische Geschichte als der „Große Sprung“ eingegangen. Entsprechend der Doktrin im Ostblock geht es um die schnelle Industriealisierung und die Kollektivierung der Landwirtschaft. 1958 sind bereits 92% der landwirtschaftlichen Flächen kollektiviert.

Propagandabilder 1958/59 | Quelle: lostbulgaria
Propagandabilder 1958/59 | Quelle: lostbulgaria

Die durch die Kollektivierung der Landwirtschaft frei gewordenen Arbeitskräfte sollen in der Industrie eingesetzt werden. Der „Sprung“ macht dementsprechend eine gewaltige Mobilität der Menschen notwendig. Doch die Gesellschaft ist überfordert, die freien Arbeitskräfte in der angestrebten Eile in die Industrie zu übernehmen. 1958 gibt es in Bulgarien etwa 350.000 Arbeitslose. Durch Propaganda soll die Bevölkerung nun ermuntert werden, Opfer zu bringen.

Auf Grund der großen sozialen Probleme wird das Projekt 1961 eingestellt.

 

Assimilierung der Minderheiten

Das Jahr 1958 ist ebenfalls ein Wendepunkt in der Minderheitenpolitik. Als Teil des ehemaligen Osmanischen Reiches siedeln viele verschiedene Nationalitäten und Ethnien auf dem Gebiet der Volksrepublik. Etwa 17 % der knapp 8 Mio. Einwohner gehören einer Minderheit an.

Quelle: Volkszählung 1.12.1956; z.n. Amnestie International 1985
Quelle: Volkszählung 1.12.1956; z.n. Amnestie International 1985

Die Pomaken (muslimische Slawen) haben keinen Minderheitenstatus. Sie werden prinzipiell als „Bulgaren“ subsumiert. Die bisher relativ liberale kulturelle Autonomie vor allem gegenüber den Türken wird eingeschränkt. Die Partei definiert 1958 das Ziel, einen „homogenen“ bulgarischen Staat errichten zu wollen. Dementsprechend entstehen Ansiedlungsprogramme mit einheitlichen Schulen.

Infografik

Verschiedene Ministerratsbeschlüsse vom Dezember 1958 regeln die zwangsweise Assimilierung der Türken und Roma. In Nachahmung der sowjetischen Schulreform von 1958 wird die bulgarische Sprache als einzige Unterrichtssprache eingeführt. Eine weitere zentrale Anordnung ist die Ansiedlung der Roma an einem festen Wohnort.

Türkische Hochzeit in Bulgarien, 1950er Jahre | Quelle: lostbulgaria
Türkische Hochzeit in Bulgarien, 1950er Jahre | Quelle: lostbulgaria

Themenblock Bulgarien

Sonne garantiert – Die „Riviera“ der DDR

In Bulgarien gewinnt der Fremdenverkehr als Wirtschaftsfaktor seit Beginn der 1960er Jahre zunehmend an Bedeutung. Beträgt die Zahl ausländischer Touristen 1960 noch 150.000, kommen 1967 bereits 1,6 Millionen nach Bulgarien – eine Verzehnfachung innerhalb von nur sieben Jahren. 43 Prozent von ihnen stammen aus dem westlichen Ausland und bringen die begehrten Devisen mit.

Tot oder lebendig - Flucht fernab der DDR

In der DDR erfährt man wenig über geglückte oder misslungene Fluchtversuche über Bulgarien. Auch die Westmedien berichten kaum etwas darüber. Daher verbreitet sich in der DDR die fatale Vorstellung, es sei weniger gefährlich, über Bulgarien „abzuhauen“. Durch die geografische Entfernung wähnt man sich außerdem weit weg der DDR-Kontrolle.


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