Archiv Bürgerbewegung Leipzig e.V.

Drei Religionen, zwei Alphabete, fünf Sprachstämme: Jugoslawien birgt eine große natürliche, kulturelle und ethnische Vielfalt in sich, aber auch viel Potenzial für Konflikte. Nach dem II. Weltkrieg kann der KP-Chef Josip Broz, Kampfname „Tito“, mit seiner Variante des Sozialismus das Land stabilisieren. Bis Mitte der 1960er Jahre kommt es zu einer rasanten Industriealisierung. Eine partielle Liberalisierung und ein zunehmender Wohlstand kennzeichnen zunächst den „Mittelweg“ zwischen dem stalinistisch geprägten Sozialismus und dem Kapitalismus.
Spätestens mit dem Tod des charismatischen Staats- und Parteiführers Tito 1980 werden die ethnischen Konflikte, die sich aus einer gesellschaftlichen Dauerkrise ergeben, immer deutlicher. Die Begriffe „Dissident“, „Reformer“, „Frühling“ zielen hier mehr auf die Ablehnung des als zentralistisch empfundenen Bundesstaates und weniger auf das kommunistische System an sich. Doch Föderalismus und Kommunismus sind zwei Seiten einer Medaille. Die Lösung der jugoslawischen Konflikte vollzieht sich in den 1990er Jahren mit Gewalt und Krieg.

Durch die Reisebeschränkungen bleibt für DDR-Bürger das Land ähnlich unerreichbar wie die westliche Welt.

 

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    1943

    Am 29. November 1943 erklärt sich der „Antifaschistische Rat der Volksbefreiung Jugoslawiens“ (AVNOJ) mitten im Krieg und ohne Rücksicht auf die Exilregierung in London zum obersten gesetzgebendem und ausführendem Organ im Land. Dieses „Kriegsparlament“ setzt sich aus der von der Kommunistischen Partei Jugoslawiens (KPJ) geführten Widerstandsbewegung und aus bürgerlichen Vorkriegsparteien zusammen.
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    1945 Volksfront unter Tito

    Den Machtkampf im besetzten Jugoslawien hat Tito, nicht zuletzt durch die Unterstützung der alliierten Mächte, für sich entschieden. Damit hat er eine starke Verhandlungsposition gegenüber seinen innerjugoslawischen Gegnern bei der Neuordnung des Staates. Taktisch geschickt tritt er dabei nicht als Kommunist auf, sondern als Vertreter der im Krieg gewachsenen Volksfront. Es folgt eine Flut von Vergeltungsmaßnahmen durch die Kommunisten in Form von Massenhinrichtungen, Verhaftungen und Zwangsarbeit. Die historische Aufarbeitung dieser Gräueltaten steht bisher noch weitgehend aus.
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    1948 Bruch mit Moskau

    Am 28. Juni 1948 bricht Stalin mit Tito und Jugoslawien. Über das „Informationsbüro der kommunistischen Parteien“ (Kominform) verstößt Stalin den jugoslawischen Führer aus der kommunistischen Weltgemeinschaft. PDF Download: Kommuniqué, 28.6.1948 Bild: vusta/iStockphoto„Die KPdSU ergriff bei der Entlarvung der falschen Politik die Initiative.“ Das Kommunistische Informationsbüro ist die Antwort Stalins auf die Truman-Doktrin und wird 1947 als „Dachverband“ der kommunistischen Parteien Europas gegründet. Es soll dem „verlängerten“ Einfluss Stalins auf die anderen kommunistischen Parteien dienen, die sich den Interessen der Sowjetunion unterzuordnen haben. Zwischen Tito und Stalin gibt es keine ideologischen Differenzen. Das Problem für Stalin ist, dass die jugoslawischen Kommunisten zu selbstbewusst sind und sich nicht der Vormachtstellung der sowjetischen Kommunisten unterordnen wollen. Nach seiner Vorstellung rangieren alle Volksdemokratien gleichermaßen hinter der UdSSR. Tito dagegen beansprucht für sich die zweite Rolle hinter Stalin und vor allen anderen Volksdemokratien. Zum anderen betreibt Tito auf dem Balkan eine Außenpolitik, die nicht nur an Stalin vorbei geht, sondern die auch die sowjetischen „Pfründe“ aus dem II. Weltkrieg gefährdet. Quelle: Drug Tito, Tiskarna LjubljanaTito schwebt ein föderativer Bund der Staaten des Balkans unter der Hegemonie Jugoslawiens vor. Derartige Gespräche führt er mit Bulgarien und Albanien bzw. unterstützt die griechischen Kommunisten im dortigen Bürgerkrieg. Dies tangiert massiv die Interessen der Sowjetunion, denn die Streitigkeiten auf dem Balkan könnten die Sowjetunion in eine militärische Auseinandersetzung mit den Westmächten treiben. Deren Interesse liegt vor allem in Griechenland.
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    1952 Arbeiterselbstverwaltung

    Aus dem Bruch mit Moskau ergibt sich eine intensive Auseinandersetzung mit ideologischen Fragen und dem Stalinismus. Aus der seit 1948/49 laufenden Diskussion entsteht ein wirtschaftliches und gesellschaftliches Experiment, das eine radikale Demokratisierung zum Ziel hat. Es beginnt das jugoslawische Selbstverwaltungsmodell. Quelle: Drug Tito, Tiskarna LjubljanaBereits 1950 werden 200 Betriebe der Arbeiterselbstverwaltung übergeben. Arbeiterräte sollen über ihre Betriebe entscheiden. Der Betriebsdirektor aber wird eingesetzt und hat ein Veto-Recht. Die Betriebe bleiben staatlich und haben keinen Einfluss über die Verwendung des Gewinns. 1952 wird ein neues Wirtschaftssystem mit marktwirtschaftlichen Elementen eingeführt: Je nach Wirtschaftszweig können die Betriebe über 3-17% ihres Gewinns selbst verfügen. Im Gegenzug müssen sie einen Teil des Risikos tragen. Der Staat stellt keine detailierten Wirtschaftspläne mehr auf, sondern gibt nur noch Rahmenrichtlinien vor.
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    1955 Aussenpolitik

    Nach Stalins Tod 1953 kommt es zwischen Jugoslawien und der Sowjetunion zu einer ganz allmählichen Entspannung. Die Initiative ergreift zur Überraschung Titos der neue Kreml-Chef Chruschtschow (l.). Dieser will Jugoslawien aus der „Umarmung“ des Westens lösen und möglichst das Land wieder stärker an den Ostblock binden. Derartige Hoffnungen haben auch Teile der jugoslawischen Kommunisten. Sie wurden nur durch die Diffamierung Jugoslawiens zum Umdenken gezwungen und könnten jetzt zum „Stalinismus ohne Stalin“ zurückkehren. Am 2. Juni 1955 verabschieden in Belgrad beide Seiten eine Erklärung, in der Chruschtschow den jugoslawischen Sonderweg akzeptieren muss.
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    1961 Blockfreiheit

    Vom 1. bis 6. September 1961 findet in Belgrad die erste Gipfelkonferenz der blockfreien (nicht-paktgebundenen) Staaten statt. Auf der Grundlage der Charta der Vereinten Nationen soll ein moralisches Gegengewicht zu den beiden Machtblöcken geschaffen werden, um den Frieden in der Welt aufrecht zu erhalten. Die Teilnehmer wollen sich im Ost-West-Konflikt des Kalten Krieges neutral verhalten. Darüberhinaus wird gefordert, die Wirtschaftsprobleme in der Dritten Welt zu lösen.
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    1965 Goldene Jahre

    Innerhalb einer Generation entwickelt sich Jugoslawien von einem der ärmsten Agrarländer zu einem nahezu vollindustrialisierten Staat. Mit der Einführung der Selbstverwaltung kommt es bis Anfang der 1960er Jahre zu jährlichen Wachstumsraten von 10-17%. Nach den harten Jahren der Entbehrungen entsteht Anfang der 1960er Jahre eine gewisse „Wohlstands- und Konsumgesellschaft“. Tito drosselt die Schwerindustrie zugunsten der Verbrauchsgüterindustrie, damit die Kriegsgeneration noch von ihren Anstrengungen partizipieren kann. Die Reisefreiheit der Menschen ermöglicht darüber hinaus die Befriedigung individueller Bedürfnisse. Quelle: ČTKDie rasche Industrialisierung führt zu einer sozialen Mobilität vom Land in die Stadt. Etwa die Hälfte (8 Mio.) aller Einwohner haben in dieser Zeit ihren Wohnsitz gewechselt. Es werden ungeheure Anstrengungen im Bildungs- und Wissenschaftsbereich unternommen (Alphabetisierung, Bildungschancen). Die Kulturlandschaft ist kreativ und sehr vielfältig. Während andere sozialistische Staaten z.B. die Rockszene bekämpfen, kann sie sich hier ungehindert entfalten. Alltag wird ein westlicher Lebensstil. Tradierte Geschlechterrollen verlieren in urbanen Gebieten ihre Bedeutung.
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    1971 Kroatischer Frühling

    Am 22. November 1971 treten über 30.000 kroatische Studenten in einen unbefristeten Streik. Sie wollen damit die Forderungen ihrer (kommunistischen) Parteiführung nach mehr Autonomie gegenüber der Zentrale „Belgrad“ unterstützen. Unmittelbarer Anlass ist der Streit um die Aufteilung der Devisen aus dem Massentourismus an der kroatischen Adriaküste. Die Massenproteste sind der Gipfel des „kroatischen Frühlings“, wie die kroatische Reformbewegung der Jahre 1970/71 genannt wird. Der „kroatische Frühling“ beginnt mit dem schwelenden Sprachenstreit seit 1967, in dem kroatische Intellektuelle Kroatisch als Amtssprache in ihrer Republik fordern. Alle drei südslawischen Sprachen (Slowenisch, Makedonisch, Serbokroatisch) sind bis dato gleichberechtigte Sprachen des öffentlichen Lebens. Die praktische Handhabung ist angesichts der ethnischen Mischung jedoch schwierig – z.B. Welche Sprache spricht man in der Armee? Sprache wird jetzt als Mittel zum Zweck benutzt, um gegen den jugoslawischen „Einheitsstaat“ vorzugehen und sich national abzugrenzen. Zu ähnlichen Emanzipationstendenzen kommt es innerhalb der kroatischen kommunistischen Partei. Die Vertreter eines hierarchisch strukturierten Staates „Jugoslawien“ werden vom liberalen KP-Flügel abgelöst. Jugoslawien als Solidargemeinschaft spielt für sie keine Rolle.
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    1974 Neue Verfassung

    Am 21. Februar 1974 verabschiedet die Erste Kammer des Bundesparlaments die umfangreichste Verfassung der Welt. Sie will sowohl den nationalen Bedürfnissen als auch der Stärkung der integrativen Kräfte Rechnung tragen. Nach dem „kroatischen Frühling“ will Tito die Rolle der kommunistischen Partei stärken und den Umbau von Staat und Gesellschaft in diesem Sinne legitimieren. Von 1967 bis 1971 wurden 42 (!) Verfassungsänderungen verabschiedet. Diese haben immer wieder versucht, die innere Zerrissenheit der Föderation aufzufangen. Die neue Verfassung stellt alle Teilrepubliken und die beiden autonomen Gebiete innerhalb Serbiens (Vojvodina und Kosovo) gleich. Die sozialistischen Republiken werden sogar als Staaten betrachtet. Deren Grenzen können nur mit dem jeweiligen Einverständnis verändert werden. Für den Kosovo und die Vojvodina gilt für die Grenzfrage das Gleiche.
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    1975 KSZE

    Mit der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) in Helsinki im Sommer 1975 versuchen erstmals die Staaten West- und Osteuropas unter Einbeziehung der USA und Kanada die Entspannung in Europa durch multilaterale Zusammenarbeit zu sichern. Bis auf Albanien unterschreiben alle sozialistischen Länder Europas am 1. August die Schlussakte von Helsinki. Es werden Leitlinien zur Verbesserung der sicherheitspolitischen, wirtschaftlichen und humanitären Beziehungen aufgestellt.
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    1980 Personenkult

    Um Tito entsteht auch in Jugoslawien ein Personenkult, wie es allen autoritären Regimen gemein ist. So huldigt ihm z.B. die Jugend alljährlich am 25.Mai, dem „Tag der Jugend“ und gleichzeitig seinem Geburtstag. Dazu finden „Stafettenläufe“ durch das ganze Land statt. Zugleich umgibt sich der Mensch Josip Broz mit einem Luxus, der den allgemeinen Verhältnissen unangemessen ist: 25 Residenzen und Villen, der persönliche „Blaue Zug“, die Edeljacht „Galeb“ nennt er u.a. sein Eigen.
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    1982 Beginn Kosovokonflikt

    Nach dem Tod Titos macht sich eine gewisse Unsicherheit breit. Sie betrifft mögliche außenpolitische Konflikte. Man fürchtet, dass der Warschauer Pakt die Situation nutzen könne, um Jugoslawien zu destabilisieren. Aus dieser Sorge heraus rückt Jugoslawien noch einmal kurzzeitig zusammen: „Nach Tito? - Tito!“ lautet die Perspektive. Auf Tito folgen bis zum Ende Jugoslawiens 14 weitere Staatspräsidenten! Gemäß der Verfassung von 1974 setzt sich das Staatspräsidium als oberstes jugoslawisches Gremium nach Titos Tod aus je einem Vertreter der Republiken (6), den autonomen Gebieten (2) sowie dem Staatspräsidenten (1) zusammen. Im Rotationsprinzip wird jährlich ein neuer Präsident gewählt. Die acht Mitglieder des Präsidiums werden von den Länderparlamenten auf fünf Jahre bestimmt. Die eigentliche politische Macht liegt aber bei der Partei und in den Republiken.
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    1988 Slowenischer Frühling

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    1989 Autonomes Serbien

    Am 28. März 1989 nimmt das serbische Parlament die Verfassungsänderungen der (nun nicht mehr) autonomen Provinzen an. Begleitet wird die Sitzung von gewaltigen Massenprotesten im Kosovo mit vielen Toten und Verletzten. Der 28. März wird serbischer Nationalfeiertag. Es beginnt die staatsrechtliche Demontage der Föderation Jugoslawien, denn verfassungsrechtlich entsteht eine widersprüchliche Situation: Zwar gelten die Provinzen in Serbien nicht mehr als stimmberechtigt, aber innerhalb des Bundes sind die Vojvodina und der Kosovo konstitutioneller Bestandteil Jugoslawiens. Im Staatspräsidium entsteht ein serbischer „Block“. Das oberste Staatsorgan ist nahezu entscheidungsunfähig.
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    1990

    Der slowenisch-serbische Gegensatz sprengt im Januar 1990 auch den Zusammenhalt des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens (BdKJ). Auf dem außerordentlichen Parteitag vom 20. bis 22. Januar kommt es zum Eklat. Der serbisch dominierte Kongress verweigert dem slowenischen Antrag zur Abschaffung des „demokratischen Zentralismus“ seine Zustimmung. Unter dem Beifall der serbischen Delegierten verlassen die 114 slowenischen Delegierten die Tagung. Die Beratungen werden abgebrochen und nie wieder aufgenommen. Mit dem Hintergrund des Zusammenbruchs der realsozialistischen Systeme in Mittel-Osteuropa finden auch in den jugoslawischen Republiken die ersten freien Wahlen seit 1927 statt.
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