Archiv Bürgerbewegung Leipzig e.V.

Mit Todor Schiwkow herrscht von 1954 bis 1989 der am längsten amtierende Staats- und Parteichef in Mittel-Osteuropa. Er übernimmt reflexartig alle politischen Strömungen der Sowjetunion bis 1986. Neben den gesellschaftlichen Problemen eines jeden sozialistischen Staates wird das Ende der Volksrepublik vom Widerstand gegen die rigide Assimilierungspolitik gegenüber den ethnischen und nationalen Minderheiten (Pomaken, Türken) bestimmt. Die Veränderungen 1989 /90 steuern die alten kommunistischen Eliten.
Mit dem Ausbau des Tourismus seit Ende der 1950er Jahre wird Bulgarien zum beliebten Reiseziel für die Menschen in der DDR. Ob Schwarzmeerküste oder die Gebirge – nirgendwo im Ostblock kommt man dem Traum vom südländischen Flair so nah wie hier.
Für das DDR-Sicherheitsregime sind Touristen jedoch potentielle Spione und „Republikflüchtlinge“.

Klicken Sie sich durch unserer Zeitleiste:

  • 1946

  • 1949

  • 1950

  • 1951

  • 1954

  • 1958

  • 1962

  • 1965

  • 1968

  • 1971

  • 1975

  • 1978

  • 1984

  • 1986

  • 1989

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Quelle: ČTK Quelle: ČTK
Im September 1944 wird Bulgarien von sowjetischen Truppen besetzt und die kommunistische Partei putscht sich an die Macht. Der 9. September wird alljährlich als „Tag der Befreiung“ gefeiert. Noch im selben Jahr wird der bulgarische Geheimdienst „Komitee für Staatssicherheit“ (KDS) gegründet. In der Folge überwachen ca. 300.000 Mitarbeiter 8 Millionen Bulgaren. Georgi Dimitroff (Mitte), der „Held von Leipzig“ im Reichstagsbrandprozess von 1933, wird 1946 bulgarischer Ministerpräsident.
Im Jahr darauf, am 4. Dezember, tritt die sogenannte „Dimitroff-Verfassung“ in Kraft. Sie folgt dem sowjetischen Vorbild und bedeutet das Ende demokratischer Hoffnungen in Bulgarien.

- 45 Jahre sind genug -  Verhaftung von "Volksfeinden", 1946 | Quelle: lostbulgaria.com
- 45 Jahre sind genug - Verhaftung von "Volksfeinden", 1946 | Quelle: lostbulgaria.com

Zwischen 1945 und 1949 entstehen in Bulgarien zahlreiche Arbeitslager, in denen politisch missliebige Personen inhaftiert werden und unter schrecklichen Lebensbedingungen Zwangsarbeit verrichten müssen. Viele der Häftlinge kommen ums Leben. Ab 1949 werden die Gefangenen verschiedener Lager zusammengelegt und auf der Donauinsel Belene untergebracht (1953 ca. 1.900 "Volksfeinde"). Nach Stalins Tod 1953 geht die Zahl der Verhaftungen stark zurück. Nach dem Ungarnaufstand 1956 sorgen landesweite Verhaftungswellen für einen erneuten Anstieg. 1959 kommt es zu einem Hungerstreik unter den Gefangenen, in dessen Folge das Lager geschlossen und die Insassen in andere Lager verlegt werden. Tatsächlich wird Belene jedoch weiterbetrieben – so sind hier in den 1980er Jahren Angehörige der türkischen Minderheit inhaftiert, die sich der „Bulgarisierung“ widersetzen.

Schauprozess gegen 15 Geistliche der evangelischen Kirche Bulgariens, Sofia 16.3.1949 | Quelle: ČTK
Schauprozess gegen 15 Geistliche der evangelischen Kirche Bulgariens, Sofia 16.3.1949 | Quelle: ČTK

Einer Untersuchung aus dem Jahre 1990 zufolge existierten in Bulgarien zwischen 1944 und 1962 100 Lager mit ca. 170.000 Insassen. 1952 sind allein in Belene 70.000 Menschen inhaftiert. Verlässliche Zahlen gibt es jedoch nicht, da der bulgarische Staat bis heute keine Einsicht in die entsprechenden Akten gewährt.

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Am 2. Juli 1949 stirbt Georgi Dimitroff in einem Sanatorium bei Moskau. Sein Leichnam wird mit einem Zug nach Bulgarien überführt. Die Leiche wird einbalsamiert und in einem eigens errichteten Mausoleum in Sofia aufgebahrt. (Quelle: net-film)

 

Quelle: lostbulgaria.com

Einen dem Wesen des Stalinismus immanenten Personenkult umgibt auch Dimitroff.

Dimitrowgrad: Stalindenkmal vor der Chemiefabrik | Quelle: lostbulgaria.comAuf dem Gebiet dreier Dörfer wird am 10. Mai 1947 eine nach Dimitroff benannte Stadt im Süden des Landes gegründet. In den Jahren 1948-50 stampfen „Jugendbrigaden“ Dimitrowgrad aus dem Boden. Die Neugründung soll das Ideal der „sozialistischen Stadt“ widerspiegeln. Mit der zukünftigen Partnerstadt Eisenhüttenstadt (bis 1961 Stalinstadt) entsteht ab 1950 in der DDR eine ähnliche „Planstadt“.

 

Quelle: lostbulgaria.com

Der Personenkult kennt keine Grenzen: Zu Ehren von Stalins 70. Geburtstag am 21.12.1949 wird die bulgarische Stadt Varna in "Stalin" umbenannt und ein riesiges Stalin-Denkmal errichtet. Die Stadt am Schwarzen Meer trägt diesen Namen bis 1956.

Quelle: ČTKNach dem Bruch zwischen Stalin und Jugoslawiens Tito 1948 kommt es auch in Bulgarien zu Schauprozessen gegen „Verräter“ und „Tito-Faschisten“. Im Dezember 1949 findet der Prozess gegen den bis zu Dimitroffs Tod zweitwichtigsten Mann der Kommunistischen Partei Bulgariens, Traičo Kostov, statt. Er endet mit dem Todesurteil, das am 17.12.1949 vollstreckt wird.
Neben prominenten Politikern fallen zehntausende Menschen im ganzen Land dieser Terrorwelle zum Opfer – sie werden in Arbeitslager deportiert. Viele von ihnen erleben ihre Rehabilitierung nach Stalins Tod nicht mehr.

 

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Quelle: NDBereits ein halbes Jahr nach Dimitroff stirbt sein Nachfolger Wassil Kolarow. Neuer Staats- und Parteichef wird im Februar 1950 Walko Tscherwenkow. Der Schwager von Georgi Dimitroff wird wegen seiner Linientreue als „kleiner Stalin“ bekannt und erhält den Beinamen „der rote Wolf“.

 

Tscherwenkow (vorn links) mit dem Sarg von Dimitroff
Tscherwenkow (vorn links) mit dem Sarg von Dimitroff | Quelle: lostbulgaria.com

Unter der Herrschaft von Tscherwenkow kommt es zu einer Verfolgungswelle gegen sogenannte „Volksfeinde“ nach stalinistischem Vorbild. Ein Fünftel der Parteimitglieder werden ausgeschlossen, Tausende in Arbeitslager deportiert.

Tscherwenkow (4.v.l.) während der Beisetzung von Kolarow
Tscherwenkow (4.v.l.) während der Beisetzung von Kolarow | Quelle: lostbulgaria.com

Andererseits gestattet Tscherwenkow die Ausreise fast aller im Land verbliebenen bulgarischen Juden nach Israel, trotz der zu dieser Zeit vorherrschenden Anti-Israel-Politik Moskaus. Bis 1952, als die Türkei die Grenzen schließt, verlassen viele Angehörige der türkischen Minderheit das Land. Ursprünglich will Tscherwenkow eine Viertelmillion Türken ausreisen lassen. Nach Verhandlungen mit der Türkei, die mit diesem Zustrom überfordert ist, sind es schließlich 162.000 Menschen, die Bulgarien den Rücken kehren.

Am 30. Dezember 1950 wird eine neue bulgarische Nationalhymne eingeführt, deren Text die Freundschaft zur Sowjetunion beschwört und bis 1964 gesungen wird.

Geliebtes Bulgarien, du Heldenland
unaufhaltsam und mächtig ist dein Aufstieg!
Stetig möge sich der Kampfbund
mit dem großen sowjetischen Brudervolk festigen!

 

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Am 1. und 2. Juni 1951 kommt es rund um die Stadt Sliven zu Gefechten zwischen etwa 100 „Gorjani“ und Truppen der Polizei und des Geheimdienstes. Die „Gorjani“ (Waldmenschen) gibt es seit 1944. Als Reaktion auf die kommunistische Machtergreifung gehen hunderte Menschen in die Berge und Wälder. Aus der anfänglichen Fluchtbewegung entwickelt sich 1946/47 eine bewaffnete Widerstandsgruppe, die einzelne Dörfer und sogar kurzzeitig die Donaustadt Russe erobert. Ihr sollen 2.000 Menschen angehören, darunter ehemalige Politiker, Anarchisten, alte Offiziere und auch einige Kommunisten, die den stalinistischen Terror verurteilen. Ein eigener Radiosender versucht die zersplitterte Gruppe zu koordinieren.
Erst 1956 gelingt es dem Regime, die Widerstandsgruppe vollends zu vernichten. Die Konsequenzen sind Ermordung, Verhaftung, Sippenhaft.

Noch vor 1953 in der DDR und 1956 in Polen und Ungarn kommt es in Bulgarien zu einem ersten großen Aufstand im sowjetischen Einflussbereich.

Die Geschichte des Aufstandes ist bisher wenig erforscht. Hier wirken jahrelange Geheimhaltung und das Desinteresse zur Aufarbeitung nach 1989.

 

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Die Machtbasis des Autokraten Tscherwenkow innerhalb der kommunistischen Partei schwindet nach Stalins Tod. Ähnlich der Praxis in der Sowjetunion schlägt er auf dem 6. Parteitag im März 1954 eine kollektive Führung vor.

Quelle: ČTKTodor Schiwkow wird am 5. März 1954 zum Ersten Sekretär der Bulgarischen Kommunistischen Partei gewählt. Tscherwenkow bleibt Regierungschef. Er erwartet von dem bis dahin unbedeutenden Schiwkow wenig Einfluss auf seine Stellung. Doch die politische Entwicklung in der UdSSR und in Bulgarien ähnelt sich. Die Phase einer Ämterteilung bringt einen neuen Herrscher mit alleiniger Verfügungsgewalt hervor. Dieser kommt in beiden Fällen aus der Partei – dort Chruschtschow, hier Schiwkow.

Schiwkow bleibt 33 Jahre, bis 1989, in all seinen Ämtern. Er ist der am längsten amtierende Staats- und Parteichef in Osteuropa. Durch diese scheinbar konfliktarme Machtsicherung betitelt der Westen Bulgarien als die „ruhigste Baracke des Sozialismus“.

1. Mai 1954: „Internationaler Kampf- und Feiertag der Arbeiterklasse“
Noch ist Tscherwenkow der starke Mann, der die Parade abnimmt.
Und die Bilder gleichen sich: Wie in allen sozialistischen Ländern wird die Zustimmung der Menschen zur neuen Ordnung durch organisierte Massenaufmärsche belegt. Kinder spielen bei der Selbstinszenierung eine wichtige Rolle. Es wird suggeriert, nur der sozialistische Staat beschützt die schwächsten Glieder der Gesellschaft. (Quelle: net-film)

 

Parade zum 10. Jahrestag der Befreiung Bulgariens, 9. September 1954 | Quelle: lostbulgaria
Parade zum 10. Jahrestag der Befreiung Bulgariens, 9. September 1954 | Quelle: lostbulgaria

Am 4. Mai 1953 kommt es in Plovdiv zu Unruhen bis hin zum Streik unter den Arbeitern (meist Frauen) der Tabakfabrik „Stalin“. Sie erheben zunächst gewerkschaftliche Forderungen u.a. nach der Wiedereinführung der alten Normen, bevor die Fabrik verstaatlicht wurde. Einwohner der Stadt schließen sich den Protesten an. Zeitzeugen berichten von einigen tausend Demonstranten - Die Polizeieinheiten schießen auf die Menge. Es gibt mehrere Tote.

Quelle: lostbulgaria

Quelle: BundesarchivAls Schlichter bemüht Tscherwenkow den einst von ihm inhaftierten Anton Yukov, der selbst Tabakarbeiter war. Nach dem 20. Parteitag der KPdSU und Chruschtschows Abrechnung mit Stalin wird auch der „kleine Stalin“ Tscherwenkow abgesetzt und ausgerechnet Yukov übernimmt 1956 sein Amt als Regierungschef. Doch Yukov stürzt 1962 zum zweiten Mal – diesmal über Parteichef Schiwkow, der ihn aller Ämter enthebt.
Yukovs wechselvolle Karriere begann bereits 1944. Als erster Innenminister ist er für den Terror bei der Machtergreifung und den Aufbau der Staatssicherheit (DS) verantwortlich.

 

Der Meister und sein Schatten

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Sowjetisches Staatsfernsehen: „Einheit der Völker aller sozialistischen Länder“
Im Juni 1958 nimmt der sowjetische Staats- und Parteichef Chruschtschow den Parteitag in Sofia zum Anlass, um mit Tito im benachbarten Jugoslawien abzurechnen. Er bezichtigt ihn erneut des „Revisionismus“, weil er die Führungsrolle der Sowjetunion nicht anerkennt. Da alle „Bruderparteien“ anwesend sind, gibt Chruschtschow gleich für alle die neue politische Richtung vor. (Quelle: net-film)

Quelle: lostbulgaria
Quelle: lostbulgaria

Chruschtschows Rede kann sich Tscherwenkow (1. Reihe 2.v.r.) noch anhören. Danach macht sich Schiwkow (Mitte) sogleich ans Werk, in seiner eigenen Partei „aufzuräumen“. Er zwingt Tscherwenkow als Kultur- und Bildungsminister zurückzutreten. Als „Säuberungs“-Spezialist war dieser erst im Jahr zuvor eingesetzt worden, um das „Tauwetter“ im Zuge der Entstalinisierung in der bulgarischen Kulturszene zu beenden.

Schiwkow kann seine Macht mit Hilfe Chruschtschows weiter ausbauen. Er übernimmt uneingeschränkt die sowjetische Politik für Bulgarien und folgt seinem Vorbild auf Schritt und Tritt.

 

Der „Große Sprung“

Die ambitionierte wirtschaftliche Entwicklung der 1950er Jahre ist in die bulgarische Geschichte als der „Große Sprung“ eingegangen. Entsprechend der Doktrin im Ostblock geht es um die schnelle Industriealisierung und die Kollektivierung der Landwirtschaft. 1958 sind bereits 92% der landwirtschaftlichen Flächen kollektiviert.

Propagandabilder 1958/59 | Quelle: lostbulgaria
Propagandabilder 1958/59 | Quelle: lostbulgaria

Die durch die Kollektivierung der Landwirtschaft frei gewordenen Arbeitskräfte sollen in der Industrie eingesetzt werden. Der „Sprung“ macht dementsprechend eine gewaltige Mobilität der Menschen notwendig. Doch die Gesellschaft ist überfordert, die freien Arbeitskräfte in der angestrebten Eile in die Industrie zu übernehmen. 1958 gibt es in Bulgarien etwa 350.000 Arbeitslose. Durch Propaganda soll die Bevölkerung nun ermuntert werden, Opfer zu bringen.

Auf Grund der großen sozialen Probleme wird das Projekt 1961 eingestellt.

 

Assimilierung der Minderheiten

Das Jahr 1958 ist ebenfalls ein Wendepunkt in der Minderheitenpolitik. Als Teil des ehemaligen Osmanischen Reiches siedeln viele verschiedene Nationalitäten und Ethnien auf dem Gebiet der Volksrepublik. Etwa 17 % der knapp 8 Mio. Einwohner gehören einer Minderheit an.

Quelle: Volkszählung 1.12.1956; z.n. Amnestie International 1985
Quelle: Volkszählung 1.12.1956; z.n. Amnestie International 1985

Die Pomaken (muslimische Slawen) haben keinen Minderheitenstatus. Sie werden prinzipiell als „Bulgaren“ subsumiert. Die bisher relativ liberale kulturelle Autonomie vor allem gegenüber den Türken wird eingeschränkt. Die Partei definiert 1958 das Ziel, einen „homogenen“ bulgarischen Staat errichten zu wollen. Dementsprechend entstehen Ansiedlungsprogramme mit einheitlichen Schulen.

Infografik

Verschiedene Ministerratsbeschlüsse vom Dezember 1958 regeln die zwangsweise Assimilierung der Türken und Roma. In Nachahmung der sowjetischen Schulreform von 1958 wird die bulgarische Sprache als einzige Unterrichtssprache eingeführt. Eine weitere zentrale Anordnung ist die Ansiedlung der Roma an einem festen Wohnort.

Türkische Hochzeit in Bulgarien, 1950er Jahre | Quelle: lostbulgaria
Türkische Hochzeit in Bulgarien, 1950er Jahre | Quelle: lostbulgaria

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Schiwkow (l.) und Chruschtschow 1962 | Quelle: lostbulgaria
Schiwkow (l.) und Chruschtschow 1962 | Quelle: lostbulgaria

Im November 1962 findet der 8. Parteitag der Bulgarischen Kommunistischen Partei (BKP) statt. Auf diesem entmachtet Todor Schiwkow den bisherigen Regierungschef Anton Yukov und wird neben der Funktion des Parteichefs auch Vorsitzender des Ministerrates. Damit hat er in Bulgarien die Alleinherrschaft.

Schiwkows enges Verhältnis zur Sowjetunion führt ihn 1963 (und 1973) zu der Überlegung, Bulgarien solle zur 16. Republik der Sowjetunion werden. Bereits im Mai 1962 verkündet er: "Unsere politische Uhr ist auf Moskauer Zeit gestellt." Die Absicht zur Aufgabe der Souveränität ist Ausdruck der beispiellosen Loyalität gegenüber Moskau. Von dem Anschluss an die UdSSR verspricht sich Schiwkow ökonomische Vorteile. Es werde leichter die Auswirkungen des „Großen Sprungs“ (Mangelwirtschaft, soziale Spannungen) zu beheben.

Doch die Sowjetunion lehnt ab.

Das Primat der Schwerindustrie geht zu Lasten der Versorgung der Bevölkerung. „Second-hand“ – Laden in Sofia, Anfang der 1960er Jahre | Quelle: lostbulgaria
Das Primat der Schwerindustrie geht zu Lasten der Versorgung der Bevölkerung. „Second-hand“ – Laden in Sofia, Anfang der 1960er Jahre | Quelle: lostbulgaria

Politbüro-Beschluss vom 5. April 1962

Die Politik der Namensänderungen für die nicht-türkischen islamischen Minderheiten (Roma, Pomaken, Tataren) wird zur Staatsdoktrin. Die äußere Zuordnung der religiösen Identität soll beseitigt und durch eine bulgarische ersetzt werden. Über die Sprache wird die bulgarische Herkunft „bewiesen“. Hintergrund bildet die Trennung von der türkischen Minderheit und einer möglichen Angleichung aller islamischen Minderheiten („Vertürkung“). Durch den wachsenden Aussiedlungswunsch der Türken befürchtet man, dass auch Roma, Pomaken oder Tataren ein Visum für die Türkei beantragen wollen.

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Schiwkows Thron beginnt, mit dem Sturz Chruschtschows im Oktober 1964 zu wackeln. Im April 1965 kommt es gar zu einem Umsturzversuch:
Eine Gruppe von Offizieren und Parteifunktionären bereitet einen Militärputsch gegen Schiwkow vor. Die Sitzung des Zentralkomitees am 14. April soll zum Anlass genommen werden, das Politbüro zu verhaften.
Das Unterfangen deckt der Sicherheitsdienst jedoch auf. In der Nacht vom 7. zum 8. April verhaftet man die Beteiligten. Im Juni werden sie in einem Geheimprozess zu Gefängnisstrafen zwischen drei und fünfzehn Jahren verurteilt – es sind überraschend milde Urteile in einem Land, wo für Diebstahl von Staatseigentum die Todesstrafe verhängt werden kann und schon das Erzählen eines politischen Witzes mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft wird.
Schiwkow will mit einem geringen Strafmaß die Bedeutung des Putsches herunterpielen.

Im neuen sowjetischen Parteichef Leonid Breschnew findet Schiwkow einen neuen engen Freund.

Nachdem sich Albanien und China dem sowjetischen Einfluss entzogen haben, braucht Breschnew in Bulgarien einen treuen Vasallen. Diese Erwartungen kann Schiwkow bedenkenlos erfüllen.

Mitte 1960er Jahre Anfang 1980er Jahre

 

„Neues System der wirtschaftlichen Planung und Steuerung“

Ähnlich wie in den anderen Ostblockstaaten stößt die bulgarische Wirtschaft zu Beginn der 1960er Jahre an die Grenzen des extensiven Wachstums. Und ähnlich wie bei den Nachbarn wird mit Wirtschaftsreformen „experimentiert“. Im Jahr 1964 entsteht das „Neue System der wirtschaftlichen Planung und Steuerung“. Es weist viele Ähnlichkeiten mit den Reformprogrammen in anderen Ostblock-Ländern auf. Den Betrieben wird mehr Eigenverantwortung übertragen.
Kulturpolitisch wird auf dem Schriftstellerkongress im September 1965 die „absolute Freiheit der Inspiration“ propagiert.

Coca-Cola – Made in Bulgaria

Ein Beleg für die liberale Entwicklung in Bulgarien ist das wirtschaftliche Engagement des Coca-Cola – Konzerns 1965, der in Bulgarien - als erstes Land des Ostblocks - sein Getränk abfüllen lassen will.

Meldung von Radio Free Europe | Quelle: Open Society Archive Budapest
Meldung von Radio Free Europe | Quelle: Open Society Archive Budapest

 

Mit der Liberalisierung geht eine zunehmende Öffnung des Landes auch für den Tourismus einher – ein neuer Wirtschaftsfaktor.

  • Sonnenstrand am Schwarzen Meer
  • Skifahren vor den Toren Sofias im Vitoscha-Gebirge
  • Alpine Klettermöglichkeiten

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Schiwkow (r.) wird von Dubček im Februar 1968 in der ČSSR begrüßt | Quelle: ČTKDer „Prager Frühling“ lässt auch Bulgarien nicht unberührt. Bereits im Januar 1968 beschäftigt sich die Regierung mit der Frage der Jugend und beschließt eine engere Führung und Kontrolle. Im Mai wird an der Universität Sofia eine „pro-chinesische Gruppe“ enttarnt und 50 Studenten werden verhaftet.
Wie die anderen Staatschefs des Ostblocks befürchtet auch Schiwkow ein Überschwappen der Liberalisierung und interveniert bei Breschnew. Er fordert den militärischen Einmarsch in die ČSSR.
Bereits am 26. März 1968 verabschiedete das Politbüro einen Beschluss, wonach Meldungen aus der ČSSR einer strengen Zensur unterworfen werden sollten.

Einen Monat vor dem Einmarsch in die ČSSR wird auf dem Juli-Plenum (24.-26.7.) der BKP der bulgarische Reformkurs offiziell gestoppt. Es hat sich auch in Bulgarien erwiesen, dass eine tiefgreifende wirtschaftliche Neuorientierung ohne Veränderung der politischen Ordnung nicht möglich ist.
Neben diesen strukturellen Problemen ist die Strahlkraft des „Prager Frühlings“ für den Abbruch der wirtschaftlichen Reformen in Bulgarien verantwortlich.

Bulgarien marschiert mit zwei motorisierten Regimentern in einer Stärke von 2164 Soldaten und 26 Panzern in die ČSSR ein.

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Am 18. Mai 1971 tritt eine neue bulgarische Verfassung per „Volksentscheid“ in Kraft, die sogenannte „Schiwkow-Verfassung“. In Artikel 1 wird die führende Rolle der kommunistischen Partei festgeschrieben. Weiterhin wird das bis dahin oberste legislative Organ, das Präsidium der Volksversammlung, durch einen Staatsrat ersetzt. Da dieses legislative und exekutive Funktionen übernimmt, schwindet die Bedeutung der Regierung. Zum Vorsitzenden des Staatsrates läßt sich Todor Schiwkow wählen, der das Amt des Regierungschefs an Stanko Todorov abgibt.

Die neue Verfassung verstärkt auch den Assimilierungsdruck. Nationale Minderheiten werden im Einzelnen nicht mehr anerkannt. Stattdessen ist von „Bürgern nichtbulgarischer Herkunft“ die Rede.

Pomaken 1932 | Quelle:lostbulgariaBereits im Jahr zuvor begann eine zweite Kampagne zur Änderung der Namen für Pomaken. Hintergrund ist ein bulgarisch-türkisches Abkommen von 1969 über die Zusammenführung von Familien. Die Partei will verhindern, dass auch Pomaken das Land verlassen können. Wie 1962 setzt man auf Freiwilligkeit. Doch nun wird jeglicher Widerstand unterbunden – bis hin zu Haftstrafen.
Auf der Gefängnisinsel Belenen sind 1979 allein 500 Pomaken interniert, die sich der Bulgarisierung ihrer Namen verweigert haben.

Der Druck auf die Pomaken wird erhöht. Sie müssen sich u.a. neue Ausweispapiere ausstellen lassen.

Infografik

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Mit der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) in Helsinki im Sommer 1975 versuchen erstmals die Staaten West- und Osteuropas unter Einbeziehung der USA und Kanada die Entspannung in Europa durch multilaterale Zusammenarbeit zu sichern.
Bis auf Albanien unterschreiben alle sozialistischen Länder Europas am 1. August die Schlussakte von Helsinki. Es werden Leitlinien zur Verbesserung der sicherheitspolitischen, wirtschaftlichen und humanitären Beziehungen aufgestellt. (Quelle: net-film)

So verpflichten sich die Unterzeichner u.a. zur Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten. Dieser Passus bildet die Grundlage osteuropäischer Menschenrechtsgruppen, die nun die jeweiligen Regime in die Pflicht nehmen.

Die Nachfolgekonferenzen des KSZE-Prozesses liefern Ende der 1980er Jahre wichtige Impulse für bulgarische Menschenrechtskativisten.

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Im Juli 1978 erhalten westliche Zeitungen und Radiostationen Kopien eines Dokumentes, genannt die „Deklaration 78“. Eine anonyme Gruppe von Dissidenten aus Bulgarien, die sich „ARD“ nennt, erhebt sechs Forderungen zur Verbesserung der Situation in ihrem Land. In dem Manifest fordern sie das Ende der Menschenrechtsverletzungen, Religionsfreiheit, Abschaffung der Pressezensur, freie Gewerkschaften und das Recht auf Auswanderung. (Quelle: Spiegel 9.10.1978)

Platz der Nationalversammlung Mitte der 1970er Jahre | Quelle: lostbulgariaKurze Zeit später wagen Regimegegner sogar eine Demonstration auf dem Platz der Nationalversammlung in Sofia. Sie entrollen ein Transparent mit der Aufschrift „Nieder mit dem Kommunismus“ und verteilen Flugblätter.

 

Exil-Bulgaren, die das Schiwkow-Regime öffentlich kritisieren, müssen den „langen Arm“ des bulgarischen Geheimdienstes („Derschwawna Segurnost“) fürchten. Kidnappte man diese Menschen bisher in den Exilländern, um ihnen in Bulgarien den Prozess zu machen, so mordet der Geheimdienst mit technischer Unterstützung des sowjetischen KGB nun im Ausland.

Berühmtestes Beispiel ist das Attentat auf den Schriftsteller Georgi Markov.

Der „Regenschirm-Mord“ von London

Georgi Markov, 1978 | Quelle: lostbulgariaGeorgi Markov ist einer der bekanntesten bulgarischen Schriftsteller der 1960er Jahre. Er wird sogar zu Jagdausflügen mit Schiwkow eingeladen. Seine Kenntnisse vom „inner circle“ der Macht werden ihm letztlich zum Verhängnis.
Im Juni 1969 verlässt er das Land, nachdem die staatliche Zensur einen Roman und ein Theaterstück von ihm verbietet. Markov wird als "Verräter" gebrandmarkt und in Abwesenheit zu sechs Jahren Haft verurteilt.
Seit 1971 arbeitet er in London als Schriftsteller und Journalist für die BBC sowie für Radio Free Europa (RFE) in München.
So strahlte RFE 1977/78 in 11 Sendungen Markovs Reihe „Persönliche Treffen mit Todor Schiwkow“ aus. Darin wird Schiwkow das Ziel beißender Satire.

Am 7. September 1978, dem Geburtstag des bulgarischen Staatschefs, wird Markov wie im Krimi ermordet:
An einer Londoner Bushaltestelle rempelt ihn ein Mann aus der Menschenmenge mit einem präparierten Regenschirm an. Der Unbekannte verschwindet und Markov verspürt im rechten Oberschenkel einen stechenden Schmerz. Vier Tage später stirbt er. Eine Obduktion ergibt, dass Markow mit einer winzigen mit Rizin gefüllten Kugel vergiftet wurde.
Bis in die Gegenwart hat die bulgarische Staatsanwaltschaft kein Interesse an der Aufklärung des Mordes.

Neues Deutschland, 26.11.1974Der vermutliche Organisator des Attentats ist Innenminister Dimityr Stojanow. Er erklärt am 15. September 1978 im bulgarischen Fernsehen:

„Unsere Feinde sind vor unserem Zugriff nirgendwo sicher. Die Konterrevolution muss wissen, dass es für sie keine sicheren Refugien gibt.“

 

Auch im Inland geht das Regime hart gegen Kritiker vor: 1979 wird z.B. Ilja Minew wegen eines Briefes, den er an den US-amerikanischen Präsidenten und die UN-Kommission für Menschenrechte schickt, zu 5 Jahren Haft verurteilt. Kurze Zeit später verurteilt man auch seine Frau zu einem Jahr, weil sie ohne Erlaubnis ihr Dorf verließ.
Schon für die Kritik an der schlechten Versorgungslage gibt es Haftstrafen. Viele politische Gefangene sitzen im Arbeitslager Belene oder in Stara Zagora ein. Wer einmal aus politischen Gründen bestraft wurde, kann auch nach seiner Entlassung jederzeit verbannt werden.

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Am 19. Juni 1984 trifft die bulgarische Parteiführung den Beschluss, die türkische Minderheit im Land gewaltsam zu „bulgarisieren“.
Türkisch klingende Namen in den Personalausweisen werden slawisiert, der Gebrauch der türkischen Sprache in der Öffentlichkeit verboten, zahlreiche Moscheen geschlossen, religiöse Bräuche verboten. Auf den Friedhöfen werden selbst die Namen der Verstorbenen auf den Grabsteinen geändert.

Für die Umsetzung des Parteibeschlusses besetzen bewaffnete Polizisten die Dörfer und zwingen die Menschen zum Rathaus, wo ihnen die neuen Ausweise ausgehändigt werden. Die Auswahl der Namen erfolgt wahllos. Aus dem slawisierten Vornamen des Vaters wird der neue Nachname gebildet. Da es für viele türkische Vornamen keine Entsprechung gibt, passiert es leicht, dass in unterschiedlichen Dörfern lebende Familienmitglieder unterschiedliche Nachnamen erhalten. In einem Dorf wird aus Mehmet „Milan“ in einem anderen „Martin“. Entsprechend ergibt sich für den Nachnamen der verwandten Kinder dann „Milanov/a“ oder „Martinov/a“.

Erfolgreiche Bulgarisierung - Propagandafoto von türkischen Kindern, Varna 1986 | Quelle: lostbulgaria
Erfolgreiche Bulgarisierung - Propagandafoto von türkischen Kindern, Varna 1986 | Quelle: lostbulgaria

Ohne Reaktion bleibt das Vorgehen bei der bulgarischen Bevölkerung. Diese ist durch die staatliche Propaganda zum Großteil davon überzeugt, dass die türkische Minderheit eine Gefahr für Bulgarien darstellt. Die Propaganda schürt türkische Autonomiebestrebungen, a la Zypern, die von der Türkei unterstützt werden. Mit der Schaffung von „Ängsten“ gelingt es der Partei gleichzeitig, von den schlechten Lebensbedingungen abzulenken.

Der enorme Druck auf die türkische Minderheit hat jedoch nicht den beabsichtigten Effekt. In vielen türkischen Familien leben nun längst vergessene Bräuche wieder auf: Man bemüht sich um die türkische Sprache und interessierte sich wieder für den islamischen Glauben.

Als unmittelbare Reaktion erschüttern zwei Sprengstoffanschläge das Land

Varna 1980er Jahre; Quelle: lostbulgaria Plovdiv 1980er Jahre; Quelle: lostbulgaria

Am 30. August 1984 explodiert eine Bombe auf dem Parkplatz des Flughafens von Varna, eine halbe Stunde später eine weitere im Wartesaal des Bahnhofs in Plovdiv. In Plovdiv kommt ein Mensch ums Leben, 42 weitere werden verletzt. Staatschef Schiwkow soll an diesem Tag beide Städte besuchen. Die Anschläge werden der türkischen Minderheit zugeschrieben.

Kino von Momchilgrad 1980er Jahre | Quelle: lostbulgariaAm 27. Dezember 1984 protestieren tausende bulgarische Türken vor den Rathäusern in Momchilgrad und in Bekonvski.
Die Polizei feuert in die Menge, es gibt Tote und Verletzte. Zahlreiche Personen werden verhaftet und in Belene inhaftiert.

 

Am 9. März 1985 explodiert nahe dem Bahnhof von Bunowo eine Bombe im Zug von Sofia nach Varna. Unter den sieben Toten sind auch drei Kinder. Auch dieser Anschlag wird in Zusammenhang mit der Assimilierungspolitik gebracht. 1988 werden dafür drei Türken aus Burgas zum Tode verurteilt.
Im Juli 1985 gründet sich die „Türkische Nationale Befreiungsbewegung in Bulgarien“. Man versucht vor allem, die Weltöffentlichkeit, die von den Vorgängen in Bulgarien kaum Notiz nimmt, zu informieren. Dafür bedient man sich vor allem des Senders Radio Free Europe.

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Neues Deutschland

 

Naim Suleimanow → Naum Schalamanow

Die westliche Öffentlichkeit nimmt von der Zwangsbulgarisierung kaum Notiz, bis die Maßnahmen durch international bekannte Sportler publik werden. Der bekannteste ist der Gewichtheber Naim Suleimanow.

Naim Suleimanow ist bereits mit 19 Jahren ein Ausnahme-Athlet. Er gehört zu der türkischen Minderheit in Bulgarien und heißt jetzt Naum Schalamanow. Suleimanow / Schalamanow setzt sich zum Weltcup-Finale in Australien Ende 1986 in die Türkei ab und erhebt öffentlich schwere Vorwürfe gegen das bulgarische Regime. (Quelle: net-film)

Er startet künftig unter dem Namen Naim Süleymanoğlu für die Türkei. Zwischen 1988 und 1996 wird er dreimal Olympiasieger.

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Entwicklung der Opposition

Bulgarische oppositionelle Bewegungen sind in den 1980er Jahren sehr schwach. Die Situation ist nicht vergleichbar mit der in den anderen mittelosteuropäischen Ländern. Mit einem Anteil von mehr als 10% Parteimitgliedern an der Gesamtbevölkerung (DDR: 13,5%) hat die kommunistische Partei einen großen Einfluss.
Erst in den Jahren 1988/89 gründen sich verschiedene informelle Organisationen, denen es vorrangig um die Erneuerung der Gesellschaft geht. Konflikte mit dem System ergeben sich oft über Umweltprobleme.

Infografik

Am 10. Februar 1988 findet in Russe eine erste Demonstration gegen das Regime statt, als Mütter mit Kinderwagen durch die Stadt marschieren. Sie protestieren gegen die Umweltbelastung durch das auf der anderen Donauseite gelegene Chemiewerk im rumänischen Giurgiu und die Untätigkeit der eigenen Regierung bei der Lösung des Konflikts.

Quelle: Umweltblätter 4/1988
Quelle: Umweltblätter 4/1988

 

Exodus der Türken

Einen wichtigen Beitrag beim Zerfall des Regimes bildet der Widerstand der bulgarischen Türken und Pomaken. Auch sie gründen verschiedene Menschenrechtsorganisationen:

Infografik

Diese Organisationen erfahren aktive Unterstützung von bulgarischen Gruppen mit dem Ziel der Demokratisierung.
Mit Hungerstreiks und Demonstrationen wehren sich die Minderheiten gegen die Bulgarisierung. Im Mai 1989 kommt es in Nordostbulgarien zu den größten Demonstrationen mit 25-30.000 Teilnehmern. Die Konfrontation mit der Polizei fordert 9 Menschenleben und viele Verletzte.
Das Regime reagiert darauf mit Abschiebung und Aufhebung des Ausreiseverbots. Die Grenzen zur Türkei werden geöffnet.

Quelle: lostbulgariaAm 30. Mai 1989 beginnt der „große Ausflug“, wie der Exodus ethnischer Türken genannt wird. Als die Türkei das Flüchtlingsproblem nicht mehr bewältigt, werden am 21. August 1989 die bulgarischen Grenzen geschlossen.
In diesen knapp drei Monaten verlassen etwa 370.000 Menschen Bulgarien.

 

Die erzwungene Massenausbürgerung führt zu einer sozialen und wirtschaftlichen Destabilisierung Bulgariens. Das internationale Ansehen des Landes nimmt erheblichen Schaden.

 

Der stille Sturz

Ab Ende Juli 1989 nehmen sich die Medien die Freiheit über die Unabhängigkeitsbewegungen in Ungarn, Polen und im Baltikum zu berichten. Das Informationsmonopol der kommunistischen Partei wird dadurch gebrochen, indem sich die Menschen Satelliten-Anlagen montieren und jetzt internationale Sender auf Bulgarisch sehen und hören können (Deutsche Welle, BBC, Radio Free Europe).

Seit dem 14. Oktober 1989 sammeln Aktivisten von Ekoglasnost Unterschriften gegen ein Staudammprojekt („Rila-Mesta“) im Rila-Gebirge. Trotz massiver Übergriffe durch die Polizei kommen über 11.000 Unterschriften zusammen.

Blick vom Musala (2925m) – dem höchsten Berg im Rila-Gebirge | Quelle: lostbulgaria
Blick vom Musala (2925m) – dem höchsten Berg im Rila-Gebirge | Quelle: lostbulgaria

Die Übergabe der Petition mit den Unterschriftenlisten an die Nationalversammlung am 3. November ist verbunden mit einer Demonstration von 4.000 Menschen vor dem Gebäude. (Quelle: net-film)

 

Am 9.November fällt die Berliner Mauer. Die bulgarischen Medien bringen nichts darüber. In Absprache mit Moskau kommt es einen Tag später zum „Putsch“ des Zentralkomitees und dem „stillen“ Sturz Schiwkows.

Quelle: lostbulgaria
Quelle: lostbulgaria

Petar Mladenow (l.), seit 1971 Außenminister und seit Jahrzehnten Parteikader, verliest am 10. November 1989 die Absetzungserklärung des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei. Damit wird Schiwkow (r.) zum Rücktritt gezwungen. Mladenow wird neuer Generalsekretär der Partei und Vorsitzender des Staatsrates.
Beide Ämter werden im April 1990 abgeschafft und Mladenow wird Staatspräsident.
Die alten kommunistischen Eliten steuern die Demokratisierung Bulgariens.

Quelle: lostbulgaria
Quelle: lostbulgaria

 

(Nicht-) Aufarbeitung der kommunistischen Diktatur nach 1989

Leipzig, Januar 1990 | Quelle: ABL / B. HeinzeLeipzig, Januar 1990 | Quelle: ABL / B. Heinze

In Ländern wie Polen, der Tschechoslowakei und der DDR wurde der politische Umsturz von einer breiten Bewegung getragen. Unmittelbar nach der Zerschlagung ihrer Systeme begann hier die Aufarbeitung der Vergangenheit.
In Bulgarien blieb ein solcher Prozess nahezu vollständig aus.

 

Zwar führten die Demonstrationen 1989 und 1990 auch in Bulgarien zu einem Systemwandel, jedoch nicht zum Austausch der politischen Elite. De facto regierte die Kommunistische Partei Bulgariens, ab April 1990 unter dem Namen „Bulgarische Sozialistische Partei“ (BSP), das Land in verschiedenen Koalitionen weiter. Die personelle Verstrickung vieler Amtsträger mit der Staatssicherheit im kommunistischen Bulgarien führte dazu, dass viele Aktenbestände vernichtet bzw. Einsichtnahmen und damit Aufarbeitung verhindert wurden.
300.000 Bulgaren waren in irgendeiner Form für den Geheimdienst tätig, d.h. auf 26 Menschen kommt einer von der Staatssicherheit (Albanien 28:1, DDR 63:1).

Erst die seit 2004 geführten EU-Beitrittsverhandlungen mit Bulgarien und der Beitritt 2007 brachten Bewegung in den Umgang des Landes mit seiner Geschichte.

Im Oktober 2012 (!) wird die erste Ausstellung, die sich mit dem kommunistischen Bulgarien kritisch auseinandersetzt im Staatsarchiv Sofia eröffnet. Die zweisprachige Wanderausstellung ist auch in Deutschland zu sehen.
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