Archiv Bürgerbewegung Leipzig e.V.

Im Ergebnis des Zweiten Weltkrieges wird die Sowjetunion zur Großmacht. Ostmitteleuropa, große Teile Südosteuropas und auch ein Teil Deutschlands gehören zu ihrem Machtbereich. In allen diesen Staaten und Gebieten etabliert die Sowjetregierung innerhalb von etwa drei Jahren Satellitenregime nach ihrem Vorbild.
In Ostdeutschland ist sie mit Hilfe loyaler Institutionen mehrere Jahre die Ordnungsmacht. Die Präsenz des sowjetischen Militärs verdeutlicht tagtäglich die Abhängigkeit der DDR vom „Großen Bruder“. Diese Abhängigkeit wird mit der sowjetischen Reformpolitik Mitte der 1980er Jahre zur Hoffnung für das eigene Leben. Doch die Staats- und Parteiführung in der DDR verweigert sich den Zeichen der Zeit. Jetzt postuliert die SED die staatliche Souveränität gegenüber der Sowjetunion. Ungewollt befördert sie damit einen sich immer stärker artikulierenden Protest.

 Klicken Sie sich durch unserer Zeitleiste:

  • 1945

  • 1948

  • 1949

  • 1953

  • 1956

  • 1959

  • 1961

  • 1964

  • 1967

  • 1968

  • 1975

  • 1976

  • 1979

  • 1980

  • 1982

  • 1985

  • 1986

  • 1989

  • 1990-91

1941-1945: Geschätzte 27 Millionen sowjetische Bürger sterben. Die nationalsozialistische Vernichtungspolitik erreicht nach dem Überfall auf die Sowjetunion ihren Höhepunkt. Die Wehrmacht und die NS-Mordkommandos hinterlassen unermessliches Leid. Im „Großen Vaterländischen Krieg“ rückt der Vielvölkerstaat UdSSR zusammen. Der Sieg über Deutschland wirkt identitätsstiftend und erhöht das Selbstwertgefühl. Die bettelarme Sowjetunion steht auf einer Stufe mit den Industrieländern des Westens und wird die internationale Entwicklung maßgeblich prägen. (Quelle: net-film)

 

Konferenz von Jalta | Quelle: ČTKKonferenz von Jalta
Vom 4. bis 11. Februar 1945 treffen sich auf der Krim die drei Mächte der Anti-Hitler-Koalition. U.a. wird die Nachkriegsordnung in Osteuropa und in Deutschland festgelegt. Durch die militärischen Erfolge der Sowjetunion gegen Nazi-Deutschland befindet sich Stalin (r.) gegenüber seinen Verhandlungspartnern Churchill (l.) und Roosevelt in der Offensive und kann seine Interessen durchsetzen. Die durch den Kriegsverlauf besetzten Gebiete Mittelosteuropas bilden fortan einen „Ring“ aus Satellitenstaaten um die Sowjetunion zum Schutz vor dem Westen.

Die Entstehung des Kalten Krieges
Die großen „Drei“ schachern um Einflusssphären und Kriegspfründe. Die Landkarte Mittelosteuropas bekommt ein neues Gesicht - Staatsgrenzen werden neu gezogen, Deutschland geteilt. Es ist der Beginn der Großmachtpolitik und die Entstehung der politischen Blöcke, die die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts prägen. Erst die Überwindung des Systems von Jalta ermöglicht in den 1990er Jahren die Chance für eine gesamteuropäische Einheit.

Teilungsplan für Deutschland und Berlin | Quelle: Bundesarchiv

In der sowjetisch besetzten Zone (SBZ) werden dem Stalinismus ergebene deutsche Kommunisten in Verwaltungspositionen eingesetzt. Deren „Linientreue“ wurde während der „großen Säuberungen“ in den Jahren 1936 / 38 geschult. Damals fielen auch viele deutsche Kommunisten den Repressionen zum Opfer, nachdem sie aus Nazi-Deutschland in das „Mutterland“ ihrer Bewegung emigrierten und sich vor Verfolgung sicher glaubten. An der Spitze der Kommunistischen Partei sind bedingungslose Stalinisten übrig geblieben.

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Quelle: Memorial

Stalin | Quelle: BundesarchivStalin: „Jeder jüdische Nationalist ist ein Agent des amerikanischen Geheimdienstes.“
Der „großen Säuberung“ der Jahre 1936 bis 1938 folgt nach dem Krieg eine neue Welle politischer Verfolgungen durch Stalin. Die Gründung des Staates Israel 1948 und dessen Anlehnung an die USA als Schutzmacht machen nun vor allem die Juden zu einem potentiellen Sicherheitsrisiko. Per se würden sie die USA im Kampf gegen die kommunistischen Regime unterstützen. Diesen neuen Antisemitismus übernehmen auch die Satellitenstaaten.

Der traditionelle russische Antisemitismus wird von Stalin für seine Machtpolitik funktionalisiert.

 

In der Folgezeit verschwinden jüdische Künstler und Intellektuelle. Jüdische Kultureinrichtungen wie Theater, Verlage und Schulen werden geschlossen sowie jüdische Organisationen aufgelöst.
Den Höhepunkt der antisemitischen Kampagne bildet die sogenannte „Ärzteverschwörung“. Am 13. Januar 1953 werden einige der bekanntesten Ärzte beschuldigt, führende Staats- und Parteifunktionäre durch falsche Diagnosen und Behandlungsmethoden töten zu wollen. Sie seien Beteiligte einer „zionistischen Spionageorganisation“, die im Auftrag des amerikanischen Geheimdienstes handelt.

Prawda zur Entlarvung einer terroristischen Ärztezelle

Quelle: Neues DeutschlandErst der Tod Stalins am 5. März 1953 beendet die Kampagne und verschont viele vor der Hinrichtung oder Inhaftierung.

 

Auch innerhalb der kommunistischen Partei KPdSU (Kommunistische Partei der Sowjetunion) finden Ende der 1940er Jahre erneute politische „Säuberungen“ statt. Im Zuge des Machtgerangels zwischen Moskau und Leningrad (heute: St. Petersburg), werden zahlreiche hochrangige Parteifunktionäre verhaftet, in Geheimprozessen verurteilt und erschossen. Insgesamt verlieren etwa 2.000 Parteifunktionäre ihre Posten und 200 kommen in Straflager.

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Igor Kurtschatow | Quelle: ČTKAm 29. August testet die UdSSR ihre erste Kernwaffe. Als „Vater der sowjetischen Atombombe“ gilt der Physiker Igor Kurtschatow (1902-1960). Das Land ist damit nach den USA die zweite Atommacht. Der Wettlauf um Rüstung und Nachrüstung erreicht in der Folge eine Dimension, die die gesamte Menschheit gefährdet. Ziel der Rüstungsspirale ist die militärische Abschreckung des jeweiligen politischen Gegners. Es manifestiert sich der Irrglaube, dass nur ein militärisches „Gleichgewicht“ den Frieden auf der Welt erhalten kann. Diese Doktrin bestimmt die folgenden Jahrzehnte.

Zeitungsausschnitt Neues Deutschland

 

Civil Defense Film (USA), 1951: „Duck and Cover“


In den USA fühlt man sich zum ersten Mal wirklich bedroht. Zum Schutz der Zivilbevölkerung startet die „Duck and Cover“ – Kampagne („Ducken und Deckung suchen“). Den Schulkindern wird mithilfe von Comics und Lehrfilmen beigebracht, im Falle eines nuklearen Angriffs sich „richtig“ zu verhalten. Der Film zeigt die in der damaligen Zeit sorglose Einstellung gegenüber Nuklearwaffen und der naive Glaube, sich schützen zu können.

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Stalinkult

Die absolute Macht geht vom Staatsoberhaupt Josef Wissarionowitsch – Generalissimo – Stalin aus. Besonders nach der Etablierung der Sowjetunion als Großmacht nach dem II. Weltkrieg entwickelt sich ein extremer Personenkult, der von den sozialistischen Volksdemokratien übernommen wird. Die Glorifizierung Stalins grenzt an pseudoreligiöse Verehrung.

 

Stalin-Witze

„Es lebe der neue Fünfjahrplan des Genossen Stalin! – Hurra!“
Dem Führer der kommunistischen Weltbewegung wird in verordneten Demonstrationen gehuldigt. Dieses Trugbild der Bejahung durch Menschenmassen rechtfertigt seine praktische Alleinherrschaft. Dementsprechend bedeutet jede Kritik oder Zweifel an der Person Stalins automatisch Systemkritik und kann für den Betreffenden unkalkulierbare Folgen haben. Selbst ein Witz kann Menschen hinter Gitter bringen.

 

Stalins Tod

Am 5. März 1953 stirbt Stalin.

Sein Leichnam wird an der Seite Lenins im Mausoleum vor der Kremlmauer aufgebahrt. Nach der gottgleichen Verehrung hinterlässt Stalins Tod ein „Machtvakuum“, das die kommunistischen Führer der Volksdemokratien verunsichert, während in der Sowjetunion hinter den Kulissen der Machtkampf um die Nachfolge tobt.

Quelle: ČTKJohannes R. Becher
Dem Ewig-Lebenden
(März 1953)
[…]
Den Namen Stalin trägt die neue Zeit.
Lenin – Stalin sind Glücksunendlichkeit.
Begleitet Stalin vor die rote Mauer!
Erhebt euch in der Größe eurer Trauer!


Seht: Über Stalins Grab die Taube kreist.
Denn Stalin: Freiheit – Stalin: Frieden heißt!
Und aller Ruhm der Welt wird Stalin heißen!
Laßt uns den Ewig-Lebenden lobpreisen!

 

Stalins Nachfolge

Nachdem der „Stern“ von Außenminister Molotow bereits zu Lebzeiten Stalins gesunken war, bleiben vier potentielle Nachfolger:

Quelle: Bundesarchiv Quelle: archive.org Quelle:Bundesarchiv Quelle: Bundesarchiv
Georgi Malenkow Lawrenti Berija Nikolai Bulganin Nikita Chruschtschow
Regierungschef (Vorsitzender des Ministerrates) Innenminister und Geheimdienstchef (Ministerium für Staatssicherheit – MGB) Marschall der Sowjetunion
Verteidigungsminister
Sekretär des Zentralkomitees der kommunistischen Partei (KPdSU)

Den Machtkampf gewinnt nur derjenige, der innerhalb des Machtapparates die stärkere Koalition für sich bilden kann. Es kristallisieren sich zwei Fronten heraus:

Neues Deutschland 13.09.1953

Es konkurriert die Partei gegen die Regierung. Es gewinnt die Partei.

 

Nikita Chruschtschow wird am 7. September 1953 offiziell zum 1. Sekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) gewählt.

Neues Deutschland 13.09.1953

Ähnlich wie nach Lenins Tod 1924 und dem Aufstieg Stalins setzen sich die politischen Intrigen mit wechselnden Koalitionen fort bis alle ehemaligen Konkurrenten ausgeschaltet sind:

Nikita Chruschtschow | Quelle: Bundesarchiv-> Berija wird bereits im Juni 1953 auf Betreiben Chruschtschows verhaftet und im Dezember wegen „Spionage“ verurteilt und erschossen. Er erliegt demselben Mechanismus, den er jahrelang gegen vermeintliche Regimegegner praktizierte.

-> Malenkow verliert seinen Einfluss mit der Entmachtung Berijas. 1955 wird er als Regierungschef abgesetzt. Nach einer missglückten „Palastrevolte“ im Juni 1957, als die Altstalinisten Chruschtschow stürzen wollen, weil ihnen dessen Entstalinisierungsprozesse zu weit gehen, wird er endgültig in die „Wüste“ geschickt.

-> Bulganin, sein Nachfolger als Regierungschef und zunächst Verbündeter Chruschtschows, stürzt ebenfalls über die missglückte Intrige von 1957 und wird 1958 in die „Wüste“ geschickt.

Fünf Jahre nach Stalins Tod bleibt nur noch Chruschtschow von den alten Eliten. Er hat jetzt eine Machtfülle wie sein Vorgänger.

Chruschtschows Geheimrede

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Chruschtschow: „Der endgültige Triumph des Kommunismus“

Vom 14. bis 25. Februar 1956 findet in Moskau der 20. Parteitag der KPdSU statt. Doch erst Chruschtschows geheime Rede am letzen Tag macht den Parteikongress brisant. In einer geschlossenen Sitzung rechnet er zum Entsetzen und Erstaunen der Zuhörer mit der Glorifizierung der Person Stalins ab. Unter dem Titel „Über den Personenkult und seine Folgen“ prangert Chruschtschow nicht Stalins Politik an, sondern nur deren extreme Mittel zur Durchsetzung.

Seine Rede hat aber nichts mit Liberalisierung der öffentlichen Meinung zu tun. Er liefert auch gleich das Argument, warum es nie eine kritische Debatte geben darf:

Zitat

In den Folgejahren verschwindet Stalin „klammheimlich“ im öffentlichen Erscheinungsbild – Städte, Fabriken, Straßen, Institutionen werden umbenannt.

Sowjetische Parteitage sind auch immer Handlungsanweisungen für die Satellitenstaaten. Eine Diskussion über den Stalinkult findet auch dort nur innerhalb der Parteispitze statt. Darin geht es aber eher darum, wie man ohne Gesichtsverlust die „Kehrtwende“ schafft. Allein die Ahnung einer öffentlichen Debatte wird als „feindliche Propaganda“ deklassiert und verfolgt.

Rede Chruschtschows vor dem 20. Parteikongress 1956 in Moskau | Quelle: archive.org / ABL

Chruschtschows Redemanuskript gelangt trotzdem an die Öffentlichkeit. Während es im Ostblock verschwiegen wird, veröffentlichen westliche Zeitungen die Aussagen.
Zwei Leipziger Oppositionelle schreiben 1988/89 die Rede aus westdeutschen Zeitungen mühsam mit einer Schreibmaschine in mehreren Exemplaren ab. Sie binden das 38-seitige Dokument und verteilen es heimlich.

 

Rolle des sowjetischen Militärs

Quelle: archive.org / ABLDer „eiserne Vorhang“
Im internationalen Koordinatensystem nach dem 2. Weltkrieg ist die Sowjetunion zur Besatzungs- und Hegemonialmacht in Mittel-Osteuropa geworden. Die bi- und multilateralen Bündnisse mit den Satellitenstaaten sind rein formell.
Mit der Gründung des „Warschauer Vertrags“ am 14. Mai 1955 etabliert die Sowjetunion ein wichtiges transnationales Militärbündnis des Ostblocks unter seinem Befehl.

 

Polen 1956 Ungarn 1956
Quelle: Bundesarchiv Quelle: Bundesarchiv
„Russische Demokratie raus“
Quelle: Karta Zentrum
„Russen geht nach Hause!“
Quelle: archive. org

Wie nach dem Tod Stalins in der DDR (17. Juni 1953) wird auch nach Chruschtschows Geheimrede eine Demokratisierung der Gesellschaften massiv gefordert – diesmal in Polen und Ungarn.
Die Demonstrationen und Aufstände werden mit militärischen Mitteln niedergeschlagen. Nachdem sich in Ungarn sogar Partei- und Regierungskreise mit der protestierenden Bevölkerung solidarisieren, wird das Land von der sowjetischen Armee besetzt. Es kommt zu einem Krieg mit der ungarischen Zivilbevölkerung.

Die Präsenz des sowjetischen Militärs in den Volksdemokratien bildet die „Exekutive“ (vollziehende Gewalt) zur Absicherung des dortigen Sozialismus und der Vormachtstellung der UdSSR gegenüber seinen „Bruderstaaten“.

 

Außenministerkonferenz in Genf

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Sowjetisches Staatsfernsehen: „Liquidierung des Besatzungsregimes in Westberlin“

In zwei Sitzungsrunden (11.5.-20.6.1959 und 13.7.-5.8.1959) versuchen die Alliierten, die Deutschland- und insbesondere die Berlinfrage zu lösen. Erstmals sitzen auch Vertreter beider deutscher Staaten als Beobachter mit am Tisch. (Quelle: net-film)

 

Dem vorausgegangen ist ein Ultimatum Chruschtschows, wonach Gesamtberlin eine freie entmilitarisierte Stadt (Aufhebung des Vier-Mächte-Status) sein solle. Anderenfalls würde man der DDR die Hoheit über die Zufahrtswege überlassen und ihr einseitig die Souveränität zugestehen. Ziel Chruschtschows ist es, die paradoxe Situation der westlichen Enklave (Westberlin) im sowjetischen Einflussbereich, zu seinen Gunsten zu lösen.
Einigen kann man sich nicht. Der amerikanische Plan, Friedensverhandlungen erst mit einem auf der Grundlage freier Wahlen geeinten Deutschland aufzunehmen, scheitert an den sowjetischen Vorstellungen eines sozialistischen Gesamtdeutschlands. So unüberbrückbar die Differenzen sind, allein die in Aussicht gestellte Gesprächsbereitschaft verhindert zunächst militärische Konsequenzen.

Diese gescheiterte Konferenz ist bis zu den „2+4“ Verhandlungen 1990 der letzte Versuch der ehemals Alliierten, eine Lösung der Deutschlandfrage zu verhandeln.

 

Mittelstreckenraketen in der DDR

Militärparade in Moskau, 1. 5.1960 | Quelle archive.orgChruschtschow hat seine Absicht nicht nur verbal untermauert. Die Sowjetunion beginnt im April 1959 mit der Stationierung von 12 atomaren Mittelstreckenraketen in der DDR – der erste Standort im Ausland. Die Raketen sind auf Großbritannien und Frankreich gerichtet. Weder das DDR-Militär noch die DDR-Führung sind über die Vorgänge bei Fürstenberg und Vogelsang (Brandenburg) informiert. Im Herbst 1959 werden die Raketen jedoch wieder abgezogen und nach Kaliningrad verlegt.

Wettlauf ins All

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Das Wettrüsten im „Kalten Krieg“ schließt seit den 1950er Jahren das Weltall mit ein. Trägerraketen, die Material ins Weltall befördern können, sind potentiell auch mit Atomsprengköpfen bestückbar.

Jurij Gagarin fliegt als erster Mensch in den Weltraum.

Mit dem Raumschiff „Wostok I“ umrundet der 27-jährige am 12. April 1961 die Erde und landet anschließend im Wolga-Gebiet. Sieben Jahre später verunglückt Gagarin auf einem Übungsflug.
Der erste Mensch im All ist ein spektakulärer Triumph des sowjetischen Raumfahrtprogramms.

Eulenspiegel 1967 – Sowjetischer [Export-] Sekt 1957 | Quelle: ABL

Witze

 

Politik der Stärke – Mauerbau und Kuba-Krise 1962

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Chruschtschow erneuert Anfang Juni 1961 gegenüber dem neuen amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy seine alte Forderung von 1958, wonach die Westalliierten ihre Rechte in West-Berlin aufgeben sollen. Chruschtschow droht erneut mit einem Ultimatum, die DDR einseitig anzuerkennen.
Er steht im Zenit seiner Macht und demonstriert Stärke. Berlin bildet für ihn ein politisches und militärstrategisches Problem - für SED-Chef Ulbricht ein wirtschaftliches durch das „Ausbluten“ der DDR (Massenflucht). Beide haben ein Interesse an der Abriegelung West-Berlins.


SED-Chef Ulbricht auf der internationalen Pressekonferenz in Berlin am 15.06.1961 | Quelle: Bundesarchiv

„Sie betreten das demokratische Berlin“

In unmittelbarer Verantwortung der DDR werden die drei Westsektoren von Berlin am 13. August 1961 abgeriegelt. Damit mauert sich die DDR selbst ein. Die Sowjetunion leistet „Rückendeckung“, indem sie ihre Truppen in der DDR, Polen und Ungarn verstärkt.
„Antifaschistischer Schutzwall“ ist ab Oktober 1961 die offizielle Umschreibung der nun manifesten Teilung Deutschlands. Der Begriff „Mauer“ wird untersagt und gilt fortan als „feindliche Propaganda“. (Quelle: archive.org)

Die Situation droht zu eskalieren. Am 27. Oktober stehen sich am „Checkpoint Charlie“ in der Berliner Friedrichstraße sowjetische und amerikanische Panzer gegenüber. Eine militärische Auseinandersetzung zwischen den beiden Supermächten und damit der Ausbruch eines Weltkrieges mit dem Einsatz von Nuklearwaffen scheinen 14 Stunden lang jederzeit möglich.

Grenzübergangsstelle „Checkpoint Charlie“

Entgegen den alliierten Vereinbarungen des freien Zugangsrechts für Diplomaten und alliierte Militärs müssen sich diese jetzt einer Grenzkontrolle durch die Volkspolizei unterziehen. Am 25. und 26. Oktober fahren amerikanische Panzer in die Friedrichstrasse, um den alliierten Forderungen Nachdruck zu verleihen. Am 27. Oktober fahren auf der Ostberliner Seite sowjetische Panzer auf.
Am Morgen des 28. Oktober ziehen sich beide Seiten zurück.

Ein knappes Jahr später steht die Welt erneut am Rande eines nuklearen Weltkrieges.

Chruschtschow mit dem kubanischen Revolutionsführer Fidel Castro (Quelle: archive.org)
Bild: Chruschtschow mit dem kubanischen Revolutionsführer Fidel Castro (Quelle: archive.org)

 

Die Sowjetunion beginnt am 10. Juni 1962 im Rahmen einer geheimen Operation, Mittelstreckenraketen auf Kuba zu stationieren. Sie entspricht damit zum einem dem Hilfeersuchen Kubas, das jederzeit mit einer Invasion der Amerikaner rechnen muss, andererseits wird Kuba als Militärbasis gegen die USA genutzt.

Neben 42.000 Soldaten, die als Erntehelfer getarnt sind, werden 230.000 Tonnen Ausrüstung auf die Insel verschifft, darunter 40 atomare Mittelstreckenraketen. Die Aktivitäten bleiben den Amerikanern nicht verborgen. Es kommt zur „Kuba-Krise“, von deren Existenz die Öffentlichkeit erst am 22. Oktober in Kenntnis gesetzt wird. Die USA verhängen eine Seeblockade über Kuba und veranlassen die größte Mobilmachung seit dem Zweiten Weltkrieg.


Amerikanische Aufklärungsbilder von der Stationierung sowjetischer Raketen auf Kuba | Quelle: archive.org

Am 27. Oktober kommt es auf hoher See zu einer Auseinandersetzung zwischen einem US-Zerstörer und einem sowjetischen, mit Atomwaffen ausgerüsteten U-Boot. Der Kapitän ist autorisiert, diese zur Verteidigung auch einzusetzen. Für den Abschuss der Torpedos ist jedoch die Zustimmung dreier Offiziere nötig. Einer von ihnen, Wassili Archipow, verweigert die Zustimmung ohne weiteren Befehl aus Moskau. Dies verhindert eine mögliche atomare Eskalation.
Am selben Tag wird ein amerikanisches U-2-Spionageflugzeug über Kuba abgeschossen. Die Lage droht nun völlig außer Kontrolle zu geraten. Es wird ein geheimes Treffen zwischen dem amerikanischen Justizminister Bobby Kennedy und dem sowjetischen Botschafter Anatoli Dobrynin arrangiert, um die Lage zu deeskalieren.
Kennedy erklärt sich bereit, die amerikanischen Jupiterraketen aus der Türkei abzuziehen, die dort praktisch unmittelbar vor der Haustür der Sowjetunion stationiert sind. Am nächsten Tag verkündet Chruschtschow den Abzug der sowjetischen Raketen aus Kuba.

Chruschtschows Sturz

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Universal newsreel: „Die Frage bleibt, ob er etwas damit zu tun hatte, den Abgang seines Chefs zu beschleunigen.“

Am 14. Oktober 1964 muss Chruschtschow auf Druck seines einstigen Günstlings Leonid Breschnew zurücktreten - offiziell auf eigenen Wunsch ob seines hohen Alters (70 Jahre) und Gesundheitszustands.
Chruschtschows oft eigenmächtige Politik verprellt die Funktionäre, indem er z.B. altgediente „Kader“ entließ. Seine versprochenen Reformen in der Industrie und Landwirtschaft greifen nicht. Sein Zerwürfnis mit China spaltet die kommunistische Weltbewegung. Schließlich führt seine Unberechenbarkeit der Entscheidungen zu einer Verschwörung in der Parteispitze.

Quelle: net-filmBereits drei Tage später, am 17.10., erscheint in der Parteizeitung „Prawda“ (Wahrheit) ein in „parteikyrillisch“ verfasstes Statement über die Neuausrichtung des politischen Kurses und eine Abrechnung mit Chruschtschow, ohne dass dessen Name genannt wird.

In Abgrenzung zu Chruschtschow und zur Rechtfertigung seines Sturzes propagiert Breschnew die „Kollektivführung“:

„Die Leninsche Partei ist Feind des Subjektivismus und des Selbstlaufs im kommunistischen Aufbau. Fremd sind ihr Phantasterei, verfrühte Schlußfolgerungen und übereilte, von der Realität losgelöste Entscheidungen und Handlungen, Prahlerei und leeres Gerede, Hang zum Administrieren und Ignorieren dessen, was Wissenschaft und praktische Erfahrung schon erarbeitet haben. Der Aufbau des Kommunismus ist eine lebendige, eine schöpferische Aufgabe, die keine bürokratischen Methoden, keine eigenmächtigen Entscheidungen, kein Ignorieren der praktischen Erfahrungen der Massen duldet. Die Kollektivität der Führung ist das Wichtigste dieser Prinzipien, die erprobte Waffe, das höchste politische Gemeingut unserer Partei.“
Quelle: Neues Deutschland 17.10.1964

 

Breschnew selbst präsentiert nach außen den „Unschuldigen“ beim Sturz Chruschtschows. Er kommt erst drei Tage vor der entscheidenden Präsidiumssitzung nach einwöchigem (!) Aufenthalt in der DDR am 11. Oktober nach Moskau zurück.

Leonid Breschnew | Quelle: Bundesarchiv

Unter Breschnew entwickeln sich Vetternwirtschaft, Korruption und feste Beziehungsgeflechte (Clan-Strukturen).

Infografik

Löhne und Prämien, Ausstattung des Arbeitsplatzes, Größe der Wohnung, Erholungsort, ärztliche Betreuung und soziale Dienstleistungen sind dieser strengen Hierarchie unterworfen. Bedürfnisse und Fähigkeiten sind damit ebenfalls fest fixiert.
So brauche z.B. ein Usbeke keine große Wohnung, denn er besitzt keine Bücher, Bilder usw., da er nicht über das intellektuelle Niveau (der Russen) verfügt. Oder: Ein Bauer bleibt ein Bauer, wenn er keine „Beziehungen“ hat.

 

Visafrei bis zum Stillen Ozean?

Visafrei bis zur Ostsee | Quelle: Bundesarchiv / ABLAnfang 1964 schließen die Sowjetunion und die DDR ein Abkommen über die Möglichkeit visafreier Privatreisen. Der bürokratische Aufwand ist aber enorm.
Man benötigt eine "Reiseanlage für den visafreien Reiseverkehr", die zusammen mit dem "Antrag auf Ausreise aus der Deutschen Demokratischen Republik" und dem Personalausweis gültig ist. Diese Reiseanlage wird von den Volkspolizeikreisämtern der DDR ausgestellt. Um diese allerdings zu bekommen, ist eine von sowjetischer Seite bestätigte "formgebundene Einladung" in kyrillischer Schrift vorzulegen.
Eine solche Einladung ist also, ohne persönliche Beziehungen in die Sowjetunion kaum zu bekommen.

Geregelt wird auch der Durchreiseverkehr mittels Transit-Visum durch die Sowjetunion. Damit hat man die Berechtigung, sich maximal 3 Tage in der Sowjetunion aufzuhalten.

Das Abkommen bleibt weitgehend unbekannt, da nichts davon in der Presse oder den DDR-Gesetzesblättern mitgeteilt wird. Erst im August 1968, nachdem im Zuge des Einmarschs der Truppen des Warschauer Paktes die Grenzen zur Tschechoslowakei geschlossen werden und tausende Urlauber in Ungarn, Rumänien und Bulgarien festsitzen, erfahren diese durch die DDR-Botschaften von der Möglichkeit, über die Sowjetunion und Polen zurück zu gelangen.

Die Reiseroute wird von sowjetischer Seite festgelegt. Ein Abweichen von der vorgeschriebenen „Маршрут“ (Marschrut) kann bei Kontrollen zu einigen Schwierigkeiten führen, denn jeder Tourist ist ein potentieller Spion.

 

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Die Sowjetunion und mit ihr der sozialistische Ostblock feiern den 50. Jahresstag der Oktoberrevolution und sehen darin die Menschenrechte verwirklicht. Doch die kritischen Stimmen sind nicht mehr zu überhören …

Protest-Ticker

Protest-Ticker

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Panzer title=Unter dem Kommando der Sowjetunion beteiligen sich am 21. August 1968 fünf Armeen des Warschauer Pakts an der Niederschlagung des „Prager Frühlings“ in der ČSSR. Sie zerschlagen damit die Hoffnungen nach einem „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ und der Reformierbarkeit des Systems generell.

Dieses Ereignis zeigt, dass der Sozialismus sowjetischen Typs in stalinistischen Denk- und Machtstrukturen verhaftet bleibt.

 


Sie haben mich gerufen, Genosse? | Quelle: Literární listy, Praha

August 1968

Pflege inniger Freundschaften (Husák und Breschnew) | Quelle: ČTKBreschnew-Doktrin
Auf dem Parteitag der polnischen Kommunisten verkündet Breschnew am 12.11.1968 die beschränkte Souveränität der sozialistischen Staaten, wenn sich in diesen Entwicklungen vollziehen, die dem (sowjetischen) Weltsozialismus zu wider laufen. Das Völkerrecht wird dabei den Gesetzen des Klassenkampfes untergeordnet.

Damit rechtfertigt Breschnew sein Vorgehen in der ČSSR im Nachhinein.

Quelle: Neues Deutschland
„Genossen, bekanntlich bestehen aber auch allgemeine Gesetzmäßigkeiten des sozialistischen Aufbaus. Eine Abkehr von ihnen könnte zu einer Abkehr vom Sozialismus führen. Und wenn die inneren und äußeren dem Sozialismus feindlichen Kräfte die Entwicklung irgendeines sozialistischen Landes auf die Restauration der kapitalistischen Ordnung zu wenden versuchen, wenn eine Gefahr für den Sozialismus in diesem Land, eine Gefahr für die Sicherheit der gesamten sozialistischen Staatengemeinschaft entsteht, ist das nicht nur ein Problem des betreffenden Landes, sondern ein allgemeines Problem, um das sich alle sozialistischen Staaten kümmern müssen.“
Neues Deutschland, 13.11.1968

 

Reinhard Bohse: „Die Russen dachten, sie kämen als Befreier.“

Als Grundwehrdienstleistender erlebt Reinhard Bohse die Vorbereitungen der NVA auf die Invasion. Seine Einheit lagert in den Wäldern der Lausitz. Hier kommt er mit sowjetischen Soldaten in Kontakt, die sich zunächst überzeugt zeigen, die Invasion sei richtig. (Quelle: ABL)

Lebenslauf Reinhard Bohse

  • geb. 1948 in Leuben bei Lommatzsch (Sachsen)
  • 1963 bis 1967 Abitur mit Berufsausbildung (Gärtner)
  • Jazzmusiker (Amateurstatus)
  • 1969 bis 1973 Geologiestudium an der Bergakademie Freiberg
  • 1973 Bergbau in Regis-Breitingen
  • 1974 Bezirksstelle für Geologie Leipzig beim Rat des Bezirkes Leipzig
  • 1982 Lektor beim Touristverlag in Leipzig, postgraduales Studium des Verlagswesen an der Karl-Marx-Universität Leipzig 1989 Mitbegründer des Forum-Verlages, Leipzig
  • 1990 Pressesprecher der Stadt Leipzig
  • 1998-2013 Pressesprecher der Leipziger Verkehrsbetriebe GmbH

 

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Quelle: ČTKMit der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) in Helsinki im Sommer 1975 versuchen erstmals die Staaten West- und Osteuropas unter Einbeziehung der USA und Kanada die Entspannung in Europa durch multilaterale Zusammenarbeit zu sichern.
Bis auf Albanien unterschreiben alle sozialistischen Länder Europas am 1. August die Schlussakte von Helsinki. Es werden Leitlinien zur Verbesserung der sicherheitspolitischen, wirtschaftlichen und humanitären Beziehungen aufgestellt. So verpflichten sich die Unterzeichner u.a. zur Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten. Dieser Passus bildet die Grundlage osteuropäischer Menschenrechtsgruppen, die nun die jeweiligen Regime in die Pflicht nehmen.

Leonid Breschnew: „Sehr geehrter Genosse Vorsitzender!“
In völliger Ignoranz der Situation spricht Breschnew den finnischen Versammlungsleiter gewohnheitsgemäß mit „Genosse“ an. Darüber hinaus sind seine Reden immer schwer zu verstehen. Er spricht undeutlich und liest z.T. zusammenhangslose Sätze ab. (Quelle: archive.org)

Protest-Ticker

Protest-Ticker

 

Am 12. Mai 1976 wird in der Wohnung von Andrej Sacharow die Moskauer Helsinki Gruppe gegründet. Hauptziel ist die Einhaltung der humanitären Artikel der Schlussakte von Helsinki. Verstöße werden gesammelt und in die Öffentlichkeit gebracht. Initiator ist der Physiker Juri Orlow. Er wird 1978 wegen „antisowjetischer Propaganda“ zu sieben Jahren Arbeitslager und 5 Jahren Verbannung verurteilt. 1986 wird Juri Orlow im Austausch für einen in den USA verhafteten sowjetischen Spion nach Amerika entlassen. (Quelle: net-film)

Nach dem Moskauer Vorbild entstehen ähnliche Menschenrechtsgruppen in der Ukraine, Litauen, Georgien und Armenien.

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Austausch

Erklärende Texte

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Quelle: ČTKIm Jahr 1979 greift die Breschnew-Doktrin nach 1968 in der ČSSR ein zweites Mal. Am 25./26. Dezember 1979 marschieren sowjetische Truppen in Afghanistan ein. Im Jahr zuvor hat sich die kommunistische „Demokratische Volkspartei Afghanistans“ an die Macht geputscht. In die Auseinandersetzungen über die Ausrichtung der Politik greift die Sowjetunion ein. Sie versichert zwar nach der „Wiedererstellung der öffentlichen Ordnung“ abzuziehen, doch es beginnt eine 10-jähriger Besatzungszeit bis 1989.

 

Wladimir Bukowski: „Das ist ein typisches Muster sowjetischer internationaler Beziehungen.“

Der Dissident Bukowski reflektiert die Interessenlage des sowjetischen Einmarschs in Afghanistan. Aus dem Konflikt entsteht ein handfester Krieg. Zur Überraschung der Sowjetunion wird das Unternehmen zu einem finanziellen und humanitären Fiasko. Nach offiziellen sowjetischen Angaben sterben ca. 15.000 Soldaten. Insgesamt werden über den gesamten Zeitraum etwa 600.000 Soldaten in Afghanistan eingesetzt.

Der Widerstand gegen die sowjetische Besatzungsmacht wird zur heterogenen Massenbewegung mit ständig wachsendem Zulauf. Dominiert wird er von islamistischen Guerilla-Gruppen (Mudschaheddin), die ihrerseits materielle und logistische Hilfe aus den USA und Pakistan beziehen. Der Krieg kostet etwa 1 Mio. Afghanen das Leben, 4 Mio. Menschen sind auf der Flucht nach Pakistan und den Iran.

Quelle: archive.orgDie Etablierung eines weiteren Satellitenstaates jetzt auch im Mittleren Osten heizt die Ost-West-Auseinandersetzung weiter an. Die unmittelbare Nähe der Sowjettruppen zu den ölreichen Regionen des Nahen Ostens beunruhigt den Westen. Die Generalversammlung der UNO stimmt mit 104 zu 18 Stimmen für einen sofortigen Abzug aller Truppen aus Afghanistan. Im Gegenzug verwahrt sich Breschnew gegen die Einmischung in „legitime interne Angelegenheiten“ Afghanistans.

 

Eine der diplomatischen Folgen ist die Warnung der westlichen Welt, die olympischen Sommerspiele 1980 in Moskau zu boykottieren.

Andrej Sacharow | Quelle: ČTKAndrej Sacharow wird am 22. Januar 1980 verhaftet, nachdem er gegen den Einmarsch in Afghanistan protestierte. Er wird nach Gorki (heute: Nischni Nowgorod) verbannt und steht dort unter der Aufsicht des Geheimdienstes KGB. Im Jahr 1984 muss seine Frau ebenfalls dorthin. Erst die Perestroika ermöglicht ihnen 1986 eine Rückkehr nach Moskau.


Andrej Sacharow (1921 - 1989) war Kernphysiker und Mitglied der Akademie der Wissenschaften der UdSSR. Als Wissenschaftler beteiligte er sich an der Entwicklung der sowjetischen Wasserstoffbombe (1953). Seit Ende der 1950er Jahre engagierte er sich indes massiv für die Einstellung der Atomwaffenversuche.

Quelle: Umweltbibliothek GroßhennersdorfMit seinem Memorandum "Gedanken über Fortschritt, friedliche Koexistenz und geistige Freiheit" von 1968 wurde er zur führenden Persönlichkeit der Bürgerrechtsbewegung in der Sowjetunion. Sacharow warnte darin vor einem Atomkrieg, der sich aus der Blockkonfrontation ergeben kann. Aus diesem Gegensatz entwickelten sich u.a. die Entmenschlichung der Gesellschaft, Hunger, Rassismus, diktatorische Regime.

Die Alternative könne nur eine Demokratisierung und Entmilitarisierung der Gesellschaft sein. Auf dem Weg dahin brauche es geistige Freiheiten, denn eine Annäherung der konkurrierenden Systeme können der soziale und der wissenschaftlich-technische Fortschritt bringen.



Quelle: Umweltbibliothek Großhennersdorf1975 erhält Sacharow für sein Engagement den Friedensnobelpreis. Seine Schriften und Bücher können jedoch nur im Westen erscheinen. Deutsche Übersetzungen gelangen über die verschiedensten Kanäle aus der Bundesrepublik auch in die DDR. Die SED reagiert mit der ihr eigenen diffamierenden Rhetorik, so dass jeder interessierte Beobachter „zwischen den Zeilen“ das Gegenteil herauslesen kann.

Neues Deutschland 14.10.1973
Quelle: Neues Deutschland 14.10.1973

 

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Vom 19. Juli bis zum 3. August 1980 findet in Moskau zum ersten Mal die Olympiade in einem Ostblock-Land statt. Die XXII. Olympischen Sommerspiele sollen zum Schaufenster des Sozialismus werden. Alle müssen mit anpacken. So muss sich die DDR an der Fleischversorgung beteiligen, was zu Engpässen für die eigene Bevölkerung führt.

Leonid Breschnew: „Genossen, ich eröffne die Olympischen Spiele.“

Auch auf der spektakulären Eröffnungsfeier fühlt sich Breschnew wie auf einer Parteiversammlung. (Quelle: net-film)

Comic - Witz

Die Ost-West-Konfrontation hat den Sport längst eingeholt. Aus Protest gegen den Afghanistan-Einmarsch üben die westlichen Regierungen Druck auf ihre Nationalen Olympischen Komitees (NOK) aus. Die NOK’s der US-Verbündeten Großbritannien, Frankreich, Finnland, Irland, Italien, Neuseeland, Spanien und Schweden stellen eine Teilnahme ihren Sportlern frei. 65 Nationen boykottieren die Spiele.

Quelle: ČTK

Aus Protest gegen den Afghanistan-Krieg marschiert die britische Mannschaft bei der Eröffnungsfeier nicht mit in das Olympiastadion ein. Statt der Nationalflagge trägt der britische NOK-Chef Dick Palmer die Olympiafahne. Dieser Protest-Symbolik schließen sich 15 weitere Nationen an, die die gesamten Spiele unter dieser Fahne starten.

Quelle: BundesarchivZu einem weiteren politischen Eklat kommt es auf der Abschlussfeier. Traditionsgemäß wird dabei die Fahne des nächsten Ausrichterlandes gehisst. Das sind die USA. Statt der US-Flagge nutzt man die Stadt-Fahne des Olympiaortes Los Angeles.

 

Die Moskauer Revanche folgt vier Jahre später. Am 8. Mai 1984 verkündet die Sowjetunion ihre Nichtteilnahme an den Spielen in Los Angeles. Sie fürchte wegen der antisozialistischen Stimmung durch die Reagan-Administration um die Sicherheit ihrer Sportler. Zwei Tage später folgt die DDR. Bis auf Rumänien boykottieren alle Ostblock-Staaten das Ereignis.

DDR-Spitzensportler werden genötigt „Lippenbekenntnisse“ abzugeben und damit die Entscheidung der KPdSU im Allgemeinen und der SED im Besonderen zu rechtfertigen.

Wladimir Wyssozki: „Auf Massengräbern gibt es keine Kreuze, weil sie niemandem Erleichterung bringen.“

Während der Olympischen Spiele stirbt am 25. Juli 1980 der sehr populäre Schauspieler, Dichter und Sänger Wladimir Wyssozki im Alter von 42 Jahren.
Als Liedermacher ist er für seine kritischen Texte bekannt, in denen er Tabu-Themen wie Prostitution, Verbrechen und Antisemitismus aufgreift. Er wird an Auftritten gehindert und als Rebell geschmäht. Für ein Millionenpublikum ist er der „Volksheld“.

Sein Tod wird in den Medien nicht bekannt gegeben, doch verbreitet sich die Nachricht wie ein Lauffeuer in Moskau. An seiner Beerdigung am 28. Juli 1980 nehmen mehr als 40.000 Menschen teil.

 

Erdgastrasse

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Quelle: BundesarchivDie DDR übernimmt den Bau dreier Abschnitte der Erdgastrasse in der Sowjetunion, die von Westsibirien nach Westeuropa führen soll.
Für die Erfüllung des Staatsvertrages geht die DDR an die Grenzen ihrer ökonomischen Leistungsfähigkeit, denn Ausrüstung und Material müssen zum großen Teil gegen Devisen im westlichen Ausland gekauft und mit großem logistischen Aufwand in die Sowjetunion gebracht werden.
Als die Erdgastrasse 1993 fertig wird, gibt es die DDR seit drei Jahren nicht mehr.

Bereits von 1974 bis 1978 wurde die sogenannte „Druschba–Trasse“ (Freundschaft) von Westsibirien bis in die Ukraine gebaut. Hintergrund war der Vertrag über Erdgaslieferungen, den die Sowjetunion im Februar 1970 mit der Bundesrepublik geschlossen hatte. Der Sowjetunion fehlten allerdings die Ressourcen, um die Exporte zu gewährleisten. So mussten die Länder des RGW mit anpacken und erhielten als Gegenleistung Erdgas zu Sonderkonditionen. Den Ländern Bulgarien, ČSSR, Polen, Ungarn und der DDR wird jeweils ein Bauabschnitt von 550 Kilometern Länge zugewiesen, den sie bauen und finanzieren müssen.

Quelle: ABLViele junge Menschen melden sich aus Neugier und Abenteuerlust freiwillig für den Einsatz an der Trasse. Aber auch die gute Bezahlung und weitere Vergünstigungen spielen eine große Rolle. So ist es z.B. möglich, sich drei Jahre für den Bau an der Trasse zu verpflichten, statt in der Armee zu dienen. Damit kann man u.a. seinen Studienplatz sichern.
Im Land werden die Bauarbeiter mit einer gänzlich anderen Realität konfrontiert, als von der DDR-Propaganda dargestellt. Armut, Mangel und Misswirtschaft bleiben ihnen nicht verborgen und lassen manchen zweifeln am „Vorbild Sowjetunion“.

 

  • Erdgastrasse 1983-1985Erdgastrasse 1983-1985
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Breschnews Tod und Nachfolge

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Bruderküsse

Am 10. November 1982 stirbt der sowjetische Staats- und Parteichef. Breschnews Ära ist von Stagnation gekennzeichnet. Sein kultivierter „Neostalinismus“ beherrscht den gesamten Ostblock – Überall geht die Macht von „Apparatschiks“ und „Seilschaften“ aus.
Sein Nachfolger kann dementsprechend nur ein Funktionär sein, der seine gesellschaftliche Stellung dem hierarchischen Apparat verdankt.

Juri Andropow | Quelle: BundesarchivBereits zwei Tage nach Breschnews Tod wird der bisherige Geheimdienst-Chef, der 68-jährige Juri Andropow, neuer Parteivorsitzender. Obwohl er sichtlich von Krankheit gezeichnet ist, steht er in der „Rangliste“ seit Beginn des Jahres als „Zweiter“ Sekretär des Zentralkomitees als Nachfolger fest.
Schon nach 15-monatiger Amtszeit stirbt Andropow am 9. Februar 1984.
Trotzdem setzt Andropow einige Impulse, die Stagnation zu beheben. So plädierte u.a. er für eine stärkere Bewegung in der Kaderpolitik und Michail Gorbatschow wird sein Protegé.

Konstantin Tschernenko | Quelle: BundesarchivAm 13. Februar 1984 wird der Breschnew-Günstling Konstantin Tschernenko neuer Parteichef. Die amerikanisch-sowjetischen Spannungen haben mit dem Olympia-Boykott 1984 ihren Höhepunkt erreicht. Tschernenko signalisiert in seiner nur 13-monatigen Amtszeit einen vorsichtigen Dialog zur Abrüstung. Die Sowjetunion kann im Rüstungswettlauf der Großmächte nicht mehr mithalten. Die Militärausgaben gehen immer mehr zu Lasten des Sozialetat.
Tschernenko stirbt am 10. März 1985. Sein Nachfolger wird Michail Gorbatschow.

Comic, Witz

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Gorbatschow | Quelle: BundesarchivAm 11. März 1985 wird Michail Gorbatschow zum Generalsekretär der kommunistischen Partei gewählt.
Das internationale Wettrüsten, die wirtschaftliche Stagnation und hohe Kriegskosten in Afghanistan bewirken nahezu den Staatsbankrott, dem Gorbatschow mit einem politischen Kurswechsel entgegenzuwirken versucht.
Auf dem 27. Parteitag der KPdSU im Februar 1986 werden die Beschlüsse zum Umbau der sowjetischen Gesellschaft gefasst. Die beiden Schlagworte „Glasnost“ (Offenheit) und „Perestroika“ (Umstrukturierung) gehen um die Welt als Inbegriff einer Demokratisierung im Ostblock.

Gorbatschow

Gorbatschow und der Reformflügel der KPdSU sind davon überzeugt, den Sozialismus reformieren zu können. Sie werden immer die Kontrolle über die Entwicklung behalten, so die Annahme, da sie diese ja aktiv gestalte. Doch sehr oft stehen hinter den Verlautbarungen keine Taten. Die Führung gibt nur das zu, wozu sie Kritiker überführt hat. Es ist jedoch nicht mehr zu verheimlichen, dass die wissenschaftlichen, technischen und finanziellen Ressourcen von der Rüstungsindustrie und der prestigeträchtigen Raumfahrt verbraucht werden. Dazu kommen die strukturellen Probleme der Planwirtschaft. Die Kosten muss die Bevölkerung durch Verarmung tragen.

Gleichzeitig steht Gorbatschow dem US-Präsidenten Reagan gegenüber, dessen Außenpolitik der Stärke von seinem Antikommunismus geprägt wird. Zugeständnisse sind keine zu erwarten.


Reagan und Gorbatschow in Genf, 1985 | Quelle: ČTK

Einen entscheidenden Anstoß für konstruktive Gespräche gibt Gorbatschow in dem er Mitte 1986 den Rückzug aus Afghanistan und Anfang 1987 einseitige Abrüstungsschritte ankündigt. In der Folge einigen sich die beiden Großmächte auf den Abbau der Mittelstreckenraketen in Europa. Eine unmittelbare Kriegsgefahr in Europa scheint gebannt.

Stalins Kulturrevolution, 1930er Jahre | Quelle: archive.orgSowjetische "Prohibition": "Wir zerschlagen den Alkohol!"
Mit der Wahl Gorbatschows ist die Hoffnung der Menschen nach tiefgreifenden Veränderungen verbunden. Seine anfängliche Beliebtheit leidet jedoch stark unter der aufgezwungenen „Entziehungskur“.
Bereits am 7. Mai 1985 beginnt eine große Anti-Alkohol-Kampagne. Riesige Weinanbauflächen werden zerstört, Brauereien geschlossen, Betrunkene auf der Straße zu Geld- und Haftstrafen verurteilt, Trinkszenen aus Filmen, Theaterstücken und Fotos eliminiert.
Die verbliebenen Schnapsläden dürfen erst ab 14 Uhr und dann nur für einige Stunden öffnen.
Die Kampagne hat Erfolg: die Fehlzeiten am Arbeitsplatz gehen um ein Drittel zurück, die Anzahl der Verkehrsunfälle

Moskauer Ärzte: „Sie beschimpfen nicht nur unsere Mitarbeiter, sondern auch die anderen Patienten.“

Gleichzeitig steigt jedoch die Anzahl der Schwarzbrennereien sprunghaft an und auch die Zahl derer, die sich mit toxischem Alkoholersatz vergiften. (Quelle: net-film)

Allein 1987 werden 400.000 Personen im Zusammenhang mit illegaler Schnapsherstellung verhaftet. Auch leidet das Land unter den nun fehlenden Einnahmen aus der Alkoholsteuer. 1988 werden die Bestimmungen gelockert, nach dem Ende der Sowjetunion fallen sie ganz weg.

 

„Freund des Westens und Verbündeter der USA“
So wird der letzte Herrscher im Sowjetreich von der eigenen Bevölkerung genannt. Außenpolitisch hofiert und gewürdigt, wird Gorbatschow innenpolitisch für das Ende der Sowjetunion verantwortlich gemacht. Das eigene Volk, das am Anfang dem Staatschef treu war und an ihn glaubte, ist letztendlich auf die Barrikaden gegangen, um selbst für eine bessere Zukunft zu kämpfen.

Gorbatschows Reformen (Glasnost und Perestroika) haben eine systemstabilisierende Absicht jedoch eine systemdestabilisierende Wirkung.

 


Karrikatur Perestrojka | Quelle: ČTK

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Neues Deutschland 30.04.1986 | Quelle: ČTK

Am Morgen des 26. April 1986 explodiert Block 4 des Kernkraftwerkes Tschernobyl (Ukraine) und löst eine nukleare Katastrophe aus. Aufgrund der Wetterlage breitet sich die radioaktive Wolke über halb Europa aus. Damit bleibt die Katastrophe keine rein sowjetische Angelegenheit mehr. Die Regierung spielt die Gefahren in der Öffentlichkeit herunter und verurteilt zunächst die „sensationslüsterne Berichterstattung“ des Westens. Gorbatschow selbst meldet sich erst 19 Tage nach der Havarie, am 14. Mai, zu Wort. Angesichts dieser Informationspolitik kommen erste Zweifel an der Glaubwürdigkeit der angekündigten neuen Glasnost-Politik auf.

Unmittelbar nach der Havarie: - 134 Personen leiden an akuter Strahlenkrankheit
- 21 Personen sterben bis zum 24. Mai 1986 (insgesamt 47)
- Über 100.000 Menschen werden in einem Umkreis von 30 km evakuiert
-7 Mio. Menschen leben in kontaminiertem Gebiet

Als der Brand nicht mit Wasser zu löschen ist, werfen Militärhubschrauber Sand und Blei ab. Erst am 6. Mai gelingt es, den Brand mit Stickstoff zu löschen. Von Mai bis November errichten freiwillige und zwangsrekrutierte sogenannte „Liquidatoren“ („liquidieren der Kontamination“) einen Betonmantel („Sarkophag“), der eine weitere Freisetzung radioaktiver Strahlung verhindert. Die Schutzhülle besteht aus 7.000t Stahl und 410.000qm Beton. Sie umschließt geschätzte 180t radioaktives Material. Der „Sarkophag“ ist ein Provisorium für 30 Jahre. (Quelle: net-film)

Seit dem 26. April 2012 entsteht 200 Meter neben dem Reaktor ein neuer „Sarkophag“, der dann auf Schienen über den alten „Sarkophag“ gefahren wird. Das Unternehmen dauert bis 2015. Die EU stellt dafür 550 Millionen Euro zur Verfügung.

 

 

Atomkraft? Nein Danke | Quelle: BundesarchivÄhnlich wie im Westen bewirkt auch in der Sowjetunion das Reaktorunglück einen wachsenden Widerstand gegen neue Atomkraftwerke. In Krasnodar (Russland), wo bereits 25 Millionen Rubel in einen neuen Reaktor investiert sind, wird der Bau 1988 gestoppt. In Minsk (Weißrussland) und Odessa (Ukraine) werden Pläne für neue Atomkraftwerke durch Bürgerinitiativen verhindert. Auch in Armenien demonstrieren Bürger gegen Atomkraft.
Im September 1987 wird in Kiew ein Forum zum Thema „Perspektiven der Kernkraft“ veranstaltet, auf dem Bürger gegen den geplanten Bau der Blöcke 5 und 6 in Tschernobyl protestieren. Kurz darauf wird dieses Projekt von der Regierung abgesagt.

Ende der Breschnew-Doktrin

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Im Juli 1989 findet ein Gipfeltreffen der Mitgliedsstaaten des Warschauer Pakts in Bukarest statt. Zum Abschluss wird am 8. Juli eine Erklärung veröffentlicht, die ausdrücklich das Recht eines jeden Mitgliedslandes anerkennt, selbst über seine ökonomische, gesellschaftspolitische und staatliche Ordnung zu bestimmen. Jede Einmischung von Seiten eines anderen Landes (auch Bündnispartner!) wird als unzulässig verurteilt.
Dies ist die Abkehr von der Breschnew-Doktrin, die die Zugehörigkeit zum Warschauer Pakt mit der Einschränkung der Souveränität der einzelnen Länder verband.

Doch noch befindet sich ein riesiges Arsenal sowjetischen Militärs in den Mitgliedsländern. Sowjetische Kasernen sind dabei exterritoriale Gebiete.


Rechlin (Bezirk Neubrandenburg; heute: Mecklenburg-Vorpommern) | Quelle: ČTK

Comic, Witz

Quelle: ČTKVilnius (Litauen): „RED ARMY GO HOME“
Die Gewährleistung des Selbstbestimmungsrechts der Völker nährt auch die Hoffnung im Vielvölkerstaat nach Unabhängigkeit. Im Baltikum versteht man sich als ähnlich militärisch besetzt, wie die ost-mitteleuropäischen Staaten. Im Zuge des Hitler-Stalin-Paktes von 1939 wurden die baltischen Länder von der Sowjetunion besetzt und verloren ihre Souveränität.

 

Nationalitätenkonflikte

Der Zerfallsprozess der Sowjetunion wird durch ethnische Konflikte eingeleitet.

 Quelle: net-film.ruArmenien
Im Februar 1988 versammeln sich über eine Millionen Menschen in der armenischen Hauptstadt Jerewan. Sie demonstrieren für die Wiedervereinigung mit der armenischen Enklave Nagorno-Karabakh, die zur aserbaidschanischen Sowjetrepublik gehört, nachdem die dort wohnenden Armenier diskriminiert werden. Es ist die größte spontane Demonstration in der Geschichte der Sowjetunion. In der Folge kommt es immer wieder zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Armeniern und Aserbaidschanern - bis hin zu Pogromen.

 

In der Folgezeit häufen sich die ethnischen Konflikte auch in anderen Gebieten des Sowjetreiches, so in Kasachstan, Usbekistan, Moldawien, Südossetien und Abchasien.

 Demonstration zum 1. Jahrestag der „Tragödie von Tbilisi“ am 9.4.1990 | Quelle: ČTKGeorgien: „Die Tragödie von Tbilisi“
Am 9. April 1989 wird in der georgischen Hauptstadt ein friedlicher Protest von hunderttausend Menschen durch das sowjetische Militär brutal niedergeschlagen. Anlass ist eine Demonstration vor dem georgischen Regierungsgebäude, wo der abchasisch-georgische Nationalitätenkonflikt verhandelt wird. Es geht um den Status der zu Georgien gehörenden Autonomen Abchasischen Republik und die Forderung von Vertretern der muslimischen abchasischen Minderheit, ihre Republik aus Georgien herauszulösen. Dieser Streit mündet in eine antisowjetische Demonstration von Georgiern für ihre Unabhängigkeit.

Spezialeinheiten des sowjetischen Militärs lösen die Proteste mit Panzern, Schlagstöcken, Spaten und Tränengas auf. Vor allem Frauen werden regelrecht ermordet, als sie als Beweis ihrer Friedfertigkeit vor den anrückenden Militärs Volkstänze aufführen.
Der brutale Einsatz löst eine öffentliche Debatte über die Verantwortlichen aus. Partei-, Regierungs- und Militärkreise verschleiern die Wahrheit.

„Hardliner“ der KPdSU beabsichtigen mit dem brutalen Einsatz von Gewalt, ein Exempel vor Nachahmung in anderen Sowjetrepubliken zu statuieren. Gleichzeitig will man die Reformpolitik in Misskredit bringen.
Die „Tragödie von Tbilisi“ wird zum Katalysator für den georgischen Nationalismus und die 1991vollzogene Abtrennung Georgiens von der Sowjetunion.

 



Freiheit, Unabhängigkeit, Litauen! | Quelle: ČTKEstland, Lettland, Litauen (Baltikum)
Die baltischen Länder fühlen sich durch den Deal zwischen Hitler und Stalin aus dem Jahr 1939 widerrechtlich annektiert, als u.a. das Baltikum der sowjetischen Interessensphäre zugeschlagen wird. Die „Sowjetisierung“ ab 1940 ist verbunden mit einem brutalen Kirchenkampf in Litauen und der Unterdrückung der baltischen Kultur.
Erst mit Gorbatschows Politik können diese Ereignisse öffentlich thematisiert werden.

- Am 14. Juni 1988 findet in Lettland eine offiziell genehmigte Demonstration in Erinnerung an die Opfer der Deportationen vom 14. Juni 1941 statt.
- Im Oktober 1988 formieren sich in Estland, Lettland und Litauen die ersten Volksfronten, deren Ziel die Wiederherstellung der nationalen Unabhängigkeit ist.
- Am 8. Juni 1989 rehabilitiert der Oberste Sowjet Lettlands die lettischen Deportierten in den 1940er Jahren.


„Baltischer Weg“ und „Singende Revolution“


Nachdem am 18. August 1989 der Kreml die Existenz der Zusatzdokumente des Pakts offiziell einräumt, bilden zum 50. Jahrestag der Unterzeichnung, am 23. August 1989, rund zwei Millionen Balten eine Menschenkette zwischen ihren Hauptstädten Tallin, Riga und Vilnius. Der über 600 km lange „Baltische Weg“ ist die längste Menschenkette der Geschichte. Er ist Teil der „Singenden Revolution“. Seit 1988 singen die Demonstranten trotz Verbots die Hymnen und Volkslieder ihrer Länder. So protestieren sie gegen ihre kulturelle Unterdrückung im Sowjetreich.

- Im Dezember 1989 beschließt der 20. Parteitag der Litauischen Kommunistischen Partei aus der Mutterpartei, der KPdSU, auszutreten.
- Nachdem die litauische Unabhängigkeitsbewegung „Sajudis“ (Die Bewegung) im Februar 1990 die Wahlen zum Obersten Sowjet der Litauischen SSR (Sozialistische Sowjetrepublik) gewonnen hat, erklärt der neue Präsident Vytautas Landsbergis am 11. März 1990 die Souveränität Litauens.

Moskau reagiert auf die abtrünnige Republik mit einer Wirtschaftsblockade.

 

„Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!“


Gorbatschow und Honecker, Berlin am 7.10.1989 | Quelle: ČTK

In den Jahren 1988/89 entstehen im Ostblock zwei Achsen

Quelle: ČTKZum 40. Jahrestag der DDR am 7. Oktober 1989 reist Gorbatschow am Tag zuvor nach Ost-Berlin. Während dieses Besuchs entsteht eines der Schlagwörter der Friedlichen Revolution in der DDR: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!“

Dieser zur Redewendung gewordene Satz wird dem sowjetischen Reformer in den Mund gelegt, als er auf dem Flughafen von SED-Chef Honecker empfangen wird.

Doch weder Ort noch Ausspruch stimmen.

 

Neue Wache, Unter den Linden in Berlin | Quelle: BundesarchivVom Flughafen in Schönefeld wird Gorbatschow durch ein leergeräumtes Ostberlin gefahren, um potentielle Sympathiebekundungen für die sowjetischen Reformen zu verhindern. Protokollgerecht legt er am „Mahnmal für die Opfer des Faschismus und Militarismus“, der Neuen Wache, einen Kranz nieder. Spontan gibt er gegenüber dem wartenden ARD-Fernsehteam ein Statement ab, das der DDR-Dolmetscher derart übersetzt: „Ich glaube, Gefahren warten nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren. Und wer die vom Leben ausgehenden Impulse - die von der Gesellschaft ausgehenden Impulse - aufgreift und dementsprechend seine Politik gestaltet, der dürfte keine Schwierigkeiten haben. Das ist eine normale Erscheinung."

 

Am nächsten Tag, dem 7. Oktober, spricht Gorbatschow vor dem Politbüro der SED. Danach finden die ritualisierte Armeeparade und der bestellte Jubel für die SED-Spitze statt. Gegen 18 Uhr gibt Gennadi Gerassimow, der außenpolitische Sprecher Gorbatschows, eine Pressekonferenz. Hier fällt erstmals – auf Englisch – der berühmte Satz:

"Those who are late will be punished by life itself."

Bereits eine halbe Stunde später geht die deutsche Übersetzung durch die Presseagenturen.
Doch an wen richten sich diese Aussagen? Vermutlich ist nicht die Partei- und Staatsführung der DDR gemeint. Sowohl Gorbatschow als auch Gerassimow zielen eher auf ihre Kritiker im eigenen Land.

Das angebliche Gorbatschow-Zitat ist bald darauf in aller Munde. Es lässt sich in einmalig treffender Art und Weise auf den Anachronismus der DDR-Verhältnisse projizieren.
Die Redewendung illustriert den für jeden sichtbaren Widerspruch zwischen offiziöser Jahrestagfeier und den Protestdemonstrationen in mehreren Städten, den Phrasen vom Arbeiter- und Bauernstaat und gleichzeitiger Massenflucht, der Beschwörung des deutsch-sowjetischen „Bruderbundes“ und dem Verbot sowjetischer Periodika.

Und so „erinnert“ sich mancher Zeitgenosse, wie Michael Gorbatschow in die Kamera sprach:
„Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“

Das Ende der Sowjetunion

7. November 1989 „Freiheit! Freiheit!“


Auf die traditionelle Parteidemonstration zu Ehren der „Großen Sozialistischen Oktoberrevolution 1917“ mischen sich Gegendemonstranten und fordern Freiheit. Zum neuen Hoffnungsträger wird Gorbatschows Gegenspieler Boris Jelzin. Er gilt als „Radikalreformer“. Seine Machtbasis hat er in Moskau.

Nach und nach wird im Zuge der Politik Gorbatschows die wirtschaftliche und politische Krise immer deutlicher spürbar, der Machtverlust der Kommunistischen Partei immer größer. Bereits im Dezember 1989 fordert Andrej Sacharow vor dem Volksdeputierten-Kongress die Aufgabe des Machtmonopols der KPdSU.

Quelle: net-filmDie soziale Situation der Bevölkerung ist sehr prekär. Nahrungsmittel gibt es nur noch auf Lebensmittelkarten und selbst auf diese nicht genug. In den Geschäften kommt es zu Schlägereien um die wenigen Waren. Aus aller Welt, besonders aus Deutschland, treffen Lebensmittelpakete in der Sowjetunion ein.
Aus der einst so mächtigen Nation ist ein Bittsteller und Almosenempfänger geworden.

In diese innenpolitische Situation hinein wird dem Staatschef Gorbatschow am 10. Dezember 1990 der Friedensnobelpreis verliehen. Von der Bevölkerung wird diese Auszeichnung mit Zorn und Empörung aufgenommen. Laut KGB-Berichten verurteilen 90 Prozent der Sowjetbürger die Verleihung des Preises an ihr Staatsoberhaupt.

Quelle: net-film18. bis 21. August 1991: Putschversuch in Moskau
Hohe Militärs und konservative Parteikader putschen sich an die Macht, um den kommunistischen Machtverlust und das Abfallen der Unionsrepubliken von der Sowjetunion aufzuhalten. Die Putschisten setzen Gorbatschow in seinem Urlaubsort auf der Krim fest und rufen den Notstand über das Land aus.

In Moskau und Leningrad demonstrieren die Menschen gegen die Putschisten. Sowohl die Streitkräfte als auch Spezialeinheiten des Geheimdienstes KGB verweigern ihre Gefolgschaft. Bei den Konfrontationen mit regierungstreuen Armeeeinheiten gibt es überraschend wenig Gewalt. Nachdem sich am 21. August die Mehrheit der Truppen mit der Bevölkerung solidarisiert, fällt der Putsch in sich zusammen.

 

Quelle: net-filmZentrum des Widerstandes ist das „Weiße Haus“ in Moskau, das Regierungsgebäude der russischen Teilrepublik. Dessen Chef, Boris Jelzin, stellt sich dabei in die erste Reihe der Demonstranten und verurteilt die Putschisten. Das hinterlässt einen starken Eindruck und aus dem Hoffnungsträger wird der neue starke Mann. Nach der Niederschlagung des Putsches verbietet Jelzin die KPdSU in der russischen Unionsrepublik. Die Sowjetunion zerfällt endgültig.

Bereits am 13. Januar 1991 versucht das sowjetische Militär in Vilnius, die Autonomiebestrebungen in Litauen aufzuhalten. Die Militärintervention (14 Tote, knapp 600 Verletzte) bleibt erfolglos. Nach Litauen vollziehen Lettland und Estland ihre Souveränität. In Folge des Augustputsches erklären die übrigen Sowjetrepubliken ihre Unabhängigkeit.
Am 8. Dezember 1991 beschließen die Staatsoberhäupter der letzten drei Unionsrepubliken - der russischen, ukrainischen und weißrussischen - die offizielle Auflösung der Sowjetunion.
Am 12. Dezember 1991 verlässt die Russische Republik die Union, am 16. Dezember 1991 wird Kasachstan unabhängig und am 25. Dezember 1991 Georgien.

Die UdSSR existierte nicht mehr.

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