Archiv Bürgerbewegung Leipzig e.V.

Alle Artikel, Audios und Videos zu Albanien.

Auf der europäischen Landkarte gibt es einen „weißen Fleck“. Mit Erstaunen nimmt die Weltöffentlichkeit die politische Instabilität der 1991ausgerufenen Republik Albanien wahr. Bürgerkriegsähnliche Unruhen, wirtschaftliche Katastrophen und riesige Flüchtlingsströme prägen die 1990er Jahre. Hintergrund ist die jahrzehntelange Politik des Diktators Enver Hoxha. Sie führte zur absoluten politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Isolation des Landes. Von Europa nahezu unbemerkt hat sich ein autokratisches System ungeahnten Ausmaßes entwickelt. Kennzeichen sind ein ausgeprägter Personenkult und willkürliche Repressionen bis hin zum Mord gegen die eigene Bevölkerung.
Auch in der DDR nahm man wenig Notiz von Albanien. An dieser Stelle soll deshalb ein „Spot“ auf die diktatorischen Zustände geworfen werden.

Klicken Sie sich durch unserer Zeitleiste:

  • 1944

  • 1946

  • 1948

  • 1955

  • 1951

  • 1959

  • 1961

  • 1967

  • 1968

  • 1972

  • 1974

  • 1975

  • 1976

  • 1978

  • 1981

  • 1985

  • 1987

  • 1990

Mit dem Rückzug der deutschen Wehrmacht aus Shkodra im November wird Albanien durch die „Nationale Befreiungsarmee“, einem Zusammenschluss aller Partisanengruppen, befreit. Die Kommunisten unter Enver Hoxha übernehmen die Macht. Drei Jahre vorher wurde die Kommunistische Partei Albaniens gegründet, deren Führer Hoxha seit 1943 ist.
Die albanischen Kommunisten etablieren ein Einparteiensystem. Ihren alleinigen Führungsanspruch begründen sie mit dem Argument, den Befreiungskampf praktisch allein geführt zu haben. Unmittelbar nach der Machtübernahme wird die Geheimpolizei „Sigurimi“ gebildet.
Enge Kontakte gibt es von Beginn an zur KP Jugoslawiens unter der Führung von Tito. Jugoslawien ist auch das erste Land, das die provisorische Regierung in Tirana anerkennt.

 

  • Abtransport entwaffneter, kriegsgefangener italienischer Truppen, 1943
  • Deutsche Truppen in Tirana, 1943
  • Deutsche Truppen in Tirana, 1943
  • Hoxha (mitte) 1944
  • Partisanenparade durch Tirana, 28.11.1944
  • Partisanenparade durch Tirana, 28.11.1944
  • Hoxha 1944

Volksrepublik Albanien (1946 bis 1991) und Republik Albanien (1991 bis 1992) | Quelle: http://de.wikipedia.orgAm 11. Januar wird die Volksrepublik Albanien ausgerufen. Vorausgegangen ist im Sommer 1945 eine Bodenreform. Die entschädigungslose Enteignung von Großgrundbesitz sichert der kommunistischen Partei die Zustimmung der breiten Bevölkerung. Bei den Parlamentswahlen im Dezember 1945 gewinnen die Kommunisten über die Einheitsliste „Demokratische Front“ alle Sitze. In der Folgezeit werden die wenigen Abgeordneten anderer Parteien ermordet.

Am 14.3.1946 wird die Verfassung verabschiedet. Sie verbietet u.a. alle nichtkommunistischen Parteien. Die neue Regierung wird am 23.3.gebildet. Enver Hoxha vereint die Ämter des Premier-, Außen- und Verteidigungsministers auf sich und wird zudem Oberkommandierender der Streitkräfte und Generalsekretär der KP.

Die KP und Hoxha etablieren ihre Macht. Auf der konstituierenden Sitzung des „Parlaments“ wird die Volksrepublik ausgerufen, 11. 01.1946 | Quelle: Gju me gju me popullin, 8 NËNTORU
Die KP und Hoxha etablieren ihre Macht. Auf der konstituierenden Sitzung des „Parlaments“ wird die Volksrepublik ausgerufen, 11. 01.1946 | Quelle: Gju me gju me popullin, 8 NËNTORU

Im Juli 1946 zeichnen sich die ersten Richtungskämpfe innerhalb der kommunistischen Partei ab: Ein Freundschaftsvertrag mit Jugoslawien wird geschlossen, der eine enge wirtschaftliche Zusammenarbeit beider Länder begründen soll. Hintergrund der jugoslawischen Hilfe für das bettelarme Nachbarland waren Pläne Titos, Albanien an Jugoslawien anzuschließen, was von Teilen der albanischen KP unterstützt wurde. Im Zuge von pro- und antijugoslawischen Richtungskämpfen innerhalb der Partei kam es zu Säuberungsaktionen, der die Befürworter eines eigenständigen Albaniens zum Opfer fielen.

Nachdem ideologische Differenzen zwischen Stalin und Tito zum Bruch der Sowjetunion mit Jugoslawien geführt haben, vollzieht die albanische Führung eine radikale Kehrtwendung ihrer Jugoslawien-Politik. Alle jugoslawischen Berater werden des Landes verwiesen, alle Verträge gekündigt und die Grenzen geschlossen. Tito gilt fortan als Feind Albaniens, das sich nunmehr der Sowjetunion und Stalin zuwendet.

 

  • Zum Neubau der Durres-Eisenbahn in Tirana
  • Stalin und Tito
  • J.W. Stalin

Den neuen Kurs nutzend lässt Enver Hoxha erneut Säuberungsaktionen innerhalb der Partei durchführen, die sich auf Anraten Stalins nun „Partei der Arbeit Albaniens“ nennt. Unter dem Vorwand, Anhänger Titos ausschalten zu wollen, wird auch der frühere Innenminister Koçi Xoxe hingerichtet.

Quelle: Ndermarrja Librit Tirana
Quelle: Ndermarrja Librit Tirana

Es beginnt die Kollektivierung der Landwirtschaft, die 1968 abgeschlossen sein wird. Die katholischen Schulen werden geschlossen und viele der Lehrer inhaftiert.

Überschrift

 

Am 14. Mai wird der „Warschauer Vertrag“ gegründet. Damit werden die Streitkräfte des Ostblocks einheitlich unter den Befehl der Sowjetunion gestellt. Albanien ist Gründungsmitglied.

DDR-Regierungschef Otto Grotewohl bei der Unterzeichnung des Vertrages. | Quelle: Bundesarchiv
Für Albanien unterschreibt der Regierungschef Mehmet Shehu (4.v.r.)

Der Warschauer Pakt ist neben dem „Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe“ (RGW) die wichtigste transnationale Organisation des Ostblocks. Dem RGW war Albanien kurz nach dessen Gründung 1949 beigetreten.

Ein Sprengstoffanschlag auf die sowjetische Vertretung in Tirana am 19. Februar löst eine erneute Säuberung innerhalb der Partei aus. Es werden 22 Menschen im Schnellverfahren hingerichtet.

Sowjetische Botschaft in Tirana | Quelle: privat
"Sowjetische Botschaft in Tirana | Quelle: privat"

Die vermeintlich instabile Lage Albaniens nutzend, versucht der Westen Einfluss zu nehmen. Nicht wenige Agenten des amerikanischen und britischen Geheimdienstes versuchen 1951, einen antikommunistischen Widerstand zu organisieren. Durch den Verrat eines Doppelagenten werden sie von der albanischen Armee und dem Staatssicherheitsdienst „Sigurimi“ erwartet und verhaftet. So real die Konfrontation mit ausländischen Geheimdiensten im Kalten Krieg ist, von Hoxha wird sie zur eigenen Machtkonsolidierung gnadenlos instrumentalisiert.

Im März organisieren die beiden Katholiken Dom Zef Oroshi und Jak Perjaku in der Region von Mirdita einen Aufstand. Die massive Polizeipräsenz verhindert ein Gelingen. Oroshi gelingt rechtzeitig die Flucht nach Italien.
Als Antwort auf die Kampagne gegen die katholische Kirche in Albanien, beginnt Radio Vatikan am 3. Dezember 1951 mit der regelmäßigen Ausstrahlung eines albanisch-sprachigen Programms. Gründer der Albanien-Redaktion ist der Shkodraer Priester und Komponist Dom Zef Shestani, der bereits 1944 aus dem Land geflohen war.

Vor dem Hintergrund der III. Weltfestspiele der Jugend präsentiert die DDR ihre Kinderferienlager. Am „Hölzernen See“ (südlich von Berlin) gibt es das Ferienlager „Enver Hodscha“. Um sich den Weltfestspielen würdig zu erweisen, wird auch dieses zum „Zentralen Pionierferienlager“ ausgebaut und im Juli 1951 durch Parteifunktionäre eröffnet.

Überschrift
Zeitungsausschnitt Neues Deutschland

Überschrift Zeitung1959

Vom 7. bis 11. Januar besucht eine albanische Delegation unter Enver Hoxha erstmals die DDR. Es wird ein Konsularvertrag abgeschlossen, um die bilateralen Beziehungen zu vertiefen.

In den 1950er Jahren werden die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Staaten ausgebaut.

Export von Baumwolle nach Albanien, 1954 | Quelle: Bundesarchiv
Export von Baumwolle nach Tirana/Albanien, 1954 | Quelle: Bundesarchiv
Löschung einer Ladung Frühkartoffeln aus Albanien, 1957 | Quelle: Bundesarchiv
Löschung einer Ladung Frühkartoffeln aus Albanien, 1957 | Quelle: Bundesarchiv


Quelle: Stadtarchiv Dessau-RoßlauMit viel Propaganda werden Hoxha die Erfolge der DDR gezeigt. Er besucht verschiedene Industrie- und Landwirtschaftsbetriebe. Auch in Dessau wird er empfangen. Hier wurde ein Jahr zuvor das „Café Altmann“ in „Café Tirana“ umbenannt. Das noble Tanzcafé ist u.a. mit Wandbildern zur albanischen Geschichte eingerichtet.
Nach einem Umbau im Jahr 1973 entsteht das Hotel „Stadt Dessau“. Mittlerweile ist es zum Konflikt mit Albanien gekommen und das Land wird in der öffentlichen Wahrnehmung tabuisiert.

Quelle: Stadtarchiv Dessau-Roßlau

Neues Deutschland, 27.5.1959

Eine neue politische Kehrtwende bahnt sich mit dem Besuch des sowjetischen Staatschefs Nikita Chruschtschow im Frühjahr an. In der Phase des „Tauwetters“ nach Stalins Tod mahnt Chruschtschow an, sich von alten Dogmen zu lösen. Gemeint sind der Stalin-Kult und die Abgrenzung von Jugoslawien. Das lange Treffen vom 25. Mai bis zum 4. Juni sorgt für außenpolitische Brisanz: In Genf laufen gerade die Verhandlungen der Siegermächte über die Deutschlandfrage und im „fernen“ Albanien treffen sich neben den politischen Repräsentanten auch Militärexperten aus der Sowjetunion und China. Sogar der DDR-Regierungschef Otto Grotewohl ist bei einigen Gesprächen dabei.

Universal International News, 1959: Chruschtschows geheimnisvolle Reise nach Albanien (Quelle: archive.org)
Albanien ist das einzige Land im sowjetischen Einflussbereich mit Zugang zum Mittelmeer. Es geht für die Sowjetunion um die Errichtung von Militärbasen in Albanien, um strategisch auch an der Adria präsent zu sein. Doch das zur Schau gestellte Bündnis beginnt zu bröckeln. Hoxha verweigert sich den sowjetischen Bedürfnissen.

Überschrift

Vom 17. bis 31. Oktober findet in Moskau der 22. Parteitag der sowjetischen Kommunisten statt. Auf diesem kommt es zum Bruch mit Albanien. Vorausgegangen ist, dass Hoxha die sowjetische Hegemonie nicht akzeptiert. Beide Seiten sehen sich als Gralshüter der marxistisch-leninistischen Lehre und bezichtigen sich des „Revisionismus“. Unter diesen Bedingungen werden nun offen der Personen- und Stalinkult sowie die Repressionen in Albanien angeprangert.
Die chinesische Delegation protestiert und reist vorzeitig ab.
Tirana bricht in der Folge die diplomatischen Beziehungen zur Sowjetunion ab. Jegliche wirtschaftliche Zusammenarbeit wird eingestellt. Alle sowjetischen Bürger werden des Landes verwiesen.

XXII. Parteitag der KPdSU - Anleitung für unser Handeln

Propagandabilder der SED vom „regen Erfahrungsaustausch“ der Bevölkerung über die Beschlüsse des Parteitages (Quelle: Bundesarchiv)

  • Berlin
  • Bitterfeld
  • Karl-Marx-Stadt
  • Waldenburg
  • Wiederode


An die Arbeit, Genossen!

In der DDR werden nun Referenzen in Bezug auf Hoxha und Albanien getilgt. Betroffen ist auch die Wissenschaft. Nach dem Tod des Albanologen Maximilian Lambertz 1963, der an der Leipziger Karl-Marx-Universität lehrte, wird das Institut für Balkanologie und Albanologie geschlossen und jegliche Kontakte nach Albanien unterbunden.

6.2.1967: „Das große Feuer entzündet alle Köpfe und Herzen unserer Menschen.“ | Quelle: Gju me gju me popullin, 8 NËNTORU
6.2.1967: „Das große Feuer entzündet alle Köpfe und Herzen unserer Menschen.“ | Quelle: Gju me gju me popullin, 8 NËNTORU

In einer Rede am 6. Februar ruft Hoxha zur Abrechnung mit der Religion auf. Am 4. März wird die Kathedrale von Shkodra endgültig geschlossen. Allen Christen und Muslimen wird jegliche Religionsausübung untersagt, Geistliche werden inhaftiert oder ermordet, Gotteshäuser säkularen Zwecken zugeführt. Insgesamt werden 2.169 Moscheen, Kirchen und Klöster geschlossen, geplündert und in Lagerhallen, Kulturzentren und ähnliches umgewandelt.

Minaret mit Stalin oder Stalin mit Minaret,  Tirana 1953 | Quelle: Gju me gju me popullin, 8 NËNTORU
Minaret mit Stalin oder Stalin mit Minaret, Tirana 1953 | Quelle: Gju me gju me popullin, 8 NËNTORU

Nach dem chinesischen Vorbild kommt es zur „Albanischen Kulturrevolution“, in deren Zuge sich Albanien zum atheistischen Staat erklärt. Ebenso wie in China wird die Bevölkerung zu Denunziationen vermeintlich antisozialistisch Denkender aufgerufen. Es werden Vorschriften gegen „westlich-dekadente“ Moden hinsichtlich Kleidung und Frisur erlassen. Vollbärte und lange Haare bei Männern werden verboten.

China wird immer mehr zum wichtigsten Verbündeten. Hoxha verreist selten und wenn, dann mit dem Zug. So trifft 1967 sein Regierungschef Mehmet Shehu den chinesischen Ministerpräsidenten Zhou Enlai in Peking.

Universal International News: „Die politische Macht kommt aus der Mündung eines Gewehres!“ (Quelle: archive.org)
Der amerikanische Beitrag von 1967 befürchtet die chinesische Weltrevolution.


Unter dem Vorwand, Bürokratie abzubauen, werden sechs von neunzehn Ministerien abgeschafft, darunter das Justizministerium. Ebenso erging es der Institution des Rechtsanwaltes.

Enver Hoxha ist   das Recht!

1967 | Quelle: Gju me gju me popullin, 8 NËNTORU
1967 | Quelle: Gju me gju me popullin, 8 NËNTORU

23. August 1968
Hoxha verurteilt den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in Prag zur Niederschlagung des „Prager Frühlings“ als „Aggression sowjetischer Revisionisten und ihrer Satelliten“.

13. September 1968
Aus Protest gegen den Einmarsch in die ČSSR verlässt Albanien den RGW und den Warschauer Pakt. Der Warschauer Pakt gilt für Albanien nunmehr wie die NATO als „aggressiver Militärpakt“. Die Vereinbarungen zum „Warschauer Vertrag“ sehen jedoch keine Austrittsmöglichkeit vor. Er wird aber still schweigend hingenommen.

Nachdem China bereits 1962 mit der Sowjetunion gebrochen hatte, wird das „Reich der Mitte“ Hoxhas letzter Verbündeter. Diese Entwicklung führt Albanien endgültig in die Isolation.


Treffen mit dem chinesischen Regierungschef Zhou Enlai, 1965 | Quelle: Ndermarrja Librit Tirana

Weihnachten 1972 veranstaltet das Staatsfernsehen in Tirana das 11. Liederfestival. Zum Ärger der Parteiführung, treten in „Hippie-Manier“ gekleidete Musiker und Sänger mit langen Haaren auf, die westliche Beat- und Rockmusik spielen. Die Veranstaltung wird später als „Exzess“ verurteilt.

Tirana bei Nacht: Im Kulturpalast findet der „Exzess“ statt.

 

Beatmusic – Made in Albania

Track 1 

Track 2

Track 3

 Track 4

 

Durch die außenpolitische Isolation des Landes „lauert“ der Feind überall. Hoxha propagiert „höchste Wachsamkeit“ gegenüber vermeintlichen Invasoren. Bis Anfang der 1980er Jahre kommt es zur totalen „Bunkerisierung“ des Landes. Die Bunker bilden Schutzwälle in mehreren Reihen durch das ganze Land mit Tirana als Zentrum. Die Schätzungen reichen von 700.000 bis 800.000 Bunker.

Wie Narben sind die Relikte noch heute überall zu sehen.

  • Bunkerisierung des Landes
  • Bunkerisierung des Landes
  • Bunkerisierung des Landes
  • Bunkerisierung des Landes
  • Bunkerisierung des Landes
 

Bunkerisierung des Lande | Quelle: ABL/J.Eßbach, 2011

Albanien ist das einzige europäische Land, das nicht am KSZE-Prozess (Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) teilnimmt. Dementsprechend fehlt die albanische Unterschrift unter der Schlussakte von Helsinki, in der Vereinbarungen über Menschenrechte, wirtschaftliche Zusammenarbeit, Wissenschaft, Technik, Umwelt und Sicherheitsfragen getroffen werden.

Das albanische Volk müsse den Marxismus  – Leninismus vor „Verzerrungen schützen“. 1. November 1976 | Quelle: Gju me gju me popullin, 8 NËNTORU
Das albanische Volk müsse den Marxismus – Leninismus vor „Verzerrungen schützen“. 1. November 1976 | Quelle: Gju me gju me popullin, 8 NËNTORU

Nach Maos Tod im September 1976 kommt es in China zum parteiinternen Machtkampf. Im Oktober setzen sich dort die gemäßigten Kräfte durch und beenden die „Kulturevolution“.
Auf der 7. Parteikonferenz der albanischen Kommunisten am 1. November verurteilt Hoxha „revisionistische Tendenzen“. Zwei Jahre später kommt es zum offenen Bruch mit China. Damit hat sich Albanien von seinem letzten Verbündeten losgesagt und sich vollends isoliert.

Gjirokastra | Quelle: Ndermarrja Librit TiranaSeit Beginn der 1970er Jahre verweigern sich immer mehr Jugendliche den Forderungen der Partei. In Hoxhas Geburtsstadt Gjirokastra lehnen es jetzt viele Jugendliche ab, eine zugewiesene Arbeit aufzunehmen.

Quelle: Ndermarrja Librit Tirana

 

Die neue Verfassung verkörpert die umfangreiche kreative Arbeit unseres Volkes. (28. Dezember 1976) | Quelle: “Gju me gju me popullin”, 8 NËNTORU
Die neue Verfassung verkörpert die umfangreiche kreative Arbeit unseres Volkes. (28. Dezember 1976) | Quelle: “Gju me gju me popullin”, 8 NËNTORU

Am 28. Dezember wird eine neue Verfassung verabschiedet. Darin ist u.a. im Artikel 37 der Atheismus formal festgeschrieben.

 

Überschrift

Albanien bricht nun endgültig mit China. Damit hat sich das Land vollends isoliert. Durch diesen Alleingang ist Albanien auch im europäischen Bewusstsein verloren gegangen.

1952 | Quelle: “Gju me gju me popullin”, 8 NËNTORUHoxhas langjähriger Weggefährte, Ministerpräsident Mehmet Shehu (r.), kommt ums Leben.

Shehu, seit 1954 Regierungschef, stützte alle politischen Kehrtwendungen und Intrigen. Jetzt fällt er selbst über das lange Jahre praktizierte System der „Sippenhaft“. Ihm werden politische Verfehlungen seiner Familie zur Last gelegt.

Ein „Säuberer“ wird selbst Opfer einer Säuberungen.

 

  • Mehmet Shehu 1959
  • Mehmet Shehu 1968
  • Mehmet Shehu 1972
  • Mehmet Shehu 1976
  • Mehmet Shehu 1978
  • Mehmet Shehu 1978
  • Mehmet Shehu 1978
  • Mehmet Shehu 1978

Offiziell wird behauptet, er habe Selbstmord begangen. Jugoslawische Quellen dagegen berichten, es sei im Politbüro zu einem Schusswechsel zwischen dem Regierungschef und Hoxha gekommen.
Nach Shehus Tod folgt eine Säuberungsaktion, bei der fast die gesamte Regierung ausgewechselt wird. 1983 veröffentlicht Hoxha das Buch „Die Titoisten“. Darin bezichtigt er Shehu, langjähriger CIA-Agent und Agent des jugoslawischen Geheimdienstes UDB gewesen zu sein.

Der jugoslawische Geheimdienst soll auch im Jahr darauf eine entscheidende Rolle gespielt haben. Am 25. September 1982 unternehmen albanische Exilmonarchisten unter der Führung von Xhevdet Mustafa einen Landeversuch in Albanien, der mit einer blutigen Niederlage endet. Hoxha beschuldigt Jugoslawien, jedoch sind die Umstände fast vollständig unklar. Möglich ist, dass Hoxha die Landung selbst inszenierte.

Überschrift

hintergrund1985

 

Hoxha stirbt am 11. April im Alter von 76 Jahren. Die kommunistische Partei inszeniert eine gigantische Trauerfeier. Im ganzen Land herrscht eine Woche Staatstrauer. Während der Beisetzung ruht überall die Arbeit. Die Sirenen von Fabriken, Zügen und Schiffen ertönen. In Tirana und zehn weiteren Städten wird Salut geschossen.

  • Trauerfeier
  • Strasse während der Trauerfeierlichkeiten
  • Massenversammlung während der Trauerfeierlichkeiten
  • Trauerfeierlichkeiten
  • Trauerfeierlichkeiten
 

In den südalbanischen Bergen seiner Geburtsstadt „lebt“ Enver Hoxha. Bis heut ist es nicht gelungen diese Inschrift zu entfernen. | Quelle: privat
In den südalbanischen Bergen seiner Geburtsstadt „lebt“ Enver Hoxha. Bis heut ist es nicht gelungen diese Inschrift zu entfernen. | Quelle: privat
 

Der Nachruf der SED beinhaltet ausschließlich Hoxhas Wirken im Partisanenkampf gegen Italien und Deutschland sowie bei der Gründung der kommunistischen Partei in Albanien.

Nachfolger wird der bisherige Ministerpräsident Ramiz Alia. Vorerst bleibt alles wie es ist. Eine vorsichtige Öffnung besteht darin, dass Alia gegenüber dem Ausland wirtschaftliche Schwierigkeiten zugibt.

Lange Vertraute Alia und Hoxha, 1984 | Quelle: Ndermarrja Librit na
Lange Vertraute Alia und Hoxha, 1984 | Quelle: Ndermarrja Librit Tirana

Albanien gibt seinen bisherigen Isolationskurs allmählich auf. Im September 1987 gehen Albanien und die Bundesrepublik offiziell diplomatische Beziehungen ein. Vorausgegangen waren inoffizielle Kontakte über mehrere Jahre.

Bereits seit Mitte der 1970er Jahre hatte Albanien sich um die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zur Bundesrepublik bemüht. Hintergrund waren Forderungen über Kriegsreparationen.
Da es laut albanischer Verfassung verboten war, ausländische Kredite aufzunehmen, sah man hier eine Möglichkeit, die leeren Staatskassen zu füllen. Die westdeutsche Seite lehnte jede Zahlung ab.

Franz Josef –Strauß, 1987 | Quelle: Bundesarchiv Am 21. August 1984 erschien der bayerische Ministerpräsident Franz-Josef Strauß überraschend zu einem Privatbesuch in Tirana. Er sondierte die Einstellung Albaniens gegenüber der Sowjetunion. Er war damit der erste westliche Politiker in Albanien. Auch nach Hoxhas Tod reiste Strauß nach Albanien (1986, 1987). Jetzt spielten wirtschaftliche Beziehungen eine Rolle.

Die Differenzen über die Entschädigungen werden beigelegt.

 

Überschrift

Albanien 1987

Auch zur DDR hat Albanien seine Beziehungen seit 1986 wieder aufgenommen. Die wirtschaftliche Not lässt die ideologischen Grabenkämpfe der Vergangenheit auf beiden Seiten ruhen. Erste, umfangreiche Abkommen werden im Juni 1989 durch DDR-Außenminister Fischer geschlossen. Fischer eruiert u.a. touristische Möglichkeiten für DDR-Bürger in Albanien.

 

Unter dem Eindruck der Ereignisse in Osteuropa lockern sich die Verhältnisse in Albanien. So fand im September 1989 eine „Deutsche Kulturwoche“ statt. Bereits im August 1989 konnte die Friedensnobelpreisträgerin Mutter Teresa ihr Heimatland besuchen.


Quelle: Albanian Rehabilitation Center of Trauma and Torture

 

+++ TICKER +++

+++ Januar 1990 +++ Januar 1990 +++ Januar 1990 +++ Januar 1990 +++
In Shkodra kommt es zu ersten Demonstrationen gegen das Regime, bei dem Jugendliche versuchen, das Stalin-Denkmal zu stürzen. Die Nachrichten von den Entwicklungen in den anderen Ostblockstaaten kommen über das italienische und das griechische Fernsehen in das abgeschottete Albanien.

+++ 17. März 1990 +++ 17. März 1990 +++ 17. März 1990 +++ 17. März 1990 +++
Etwa 60.000 Gläubige erstürmen das franziskanische Antonius-Heiligtum auf der Sebaste bei Laç. Um Wallfahrten zu unterbinden, wurde hier ein militärisches Sperrgebiet errichtet. In den Ruinen der gesprengten Kirche wird der erste Gottesdienst nach über 20 Jahren gefeiert.

+++ 8. Mai 1990 +++ 8. Mai 1990 +++ 8. Mai 1990 +++ 8. Mai 1990 +++
Abschaffung des Straftatbestands „Republikflucht“ und Ahndung als „Landesverrat“.

+++ 11. - 14. Mai 1990 +++ 11. - 14. Mai 1990 +++ 11. - 14. Mai 1990 +++
UN-Generalsekretär Perez de Cuellar besucht Albanien. Albanien lässt darauf hin 6 Albaner, die sich im Dezember 1985 in die italienische Botschaft geflüchtet hatten und seither dort aufhielten, nach Italien ausreisen.

+++ 2. Juli 1990 +++ 2. Juli 1990 +++ 2. Juli 1990 +++ 2. Juli 1990 +++
5000 Albaner flüchten in Tirana in westliche Botschaften, während Sicherheitskräfte mit Gewalt gegen Demonstranten vorgehen. Fünf Tage später beschließt die albanische Regierung, den Botschaftsflüchtlingen die Ausreise zu ermöglichen, was eine Fluchtwelle auf den Hafen von Durrës auslöst.

+++ Herbst 1990 +++ Herbst 1990 +++ Herbst 1990 +++ Herbst 1990 +++
Im November wird das Religionsverbot aufgehoben und der erste öffentliche katholische Gottesdienst seit 1967 wird gefeiert. Kurze Zeit später folgen auch Orthodoxe und Muslime.

+++ Dezember 1990 +++ Dezember 1990 +++ Dezember 1990 +++ Dezember 1990 +++
Auf dem Campus der Universität Tirana wird die erste nichtkommunistische Partei, die „Demokratische Partei“, gegründet.

+++ 20. Februar 1991 +++ 20. Februar 1991 +++ 20. Februar 1991 +++
Die Statue Enver Hodschas in Tirana wird von Demonstranten gestürzt.


Tirana 1991 © Gani Xhengo


Tirana 1991 © Gani Xhengo


Tirana 1991, Quelle: Albanian Rehabilitation Center of Trauma and Torture

Unter dem Eindruck der Ereignisse in Osteuropa lockern sich die Verhältnisse in Albanien. So fand im September 1989 eine „Deutsche Kulturwoche“ statt. Bereits im August 1989 konnte die Friedensnobelpreisträgerin Mutter Teresa ihr Heimatland besuchen.


Quelle: Albanian Rehabilitation Center of Trauma and Torture

 

+++ TICKER +++

+++ Januar 1990 +++ Januar 1990 +++ Januar 1990 +++ Januar 1990 +++
In Shkodra kommt es zu ersten Demonstrationen gegen das Regime, bei dem Jugendliche versuchen, das Stalin-Denkmal zu stürzen. Die Nachrichten von den Entwicklungen in den anderen Ostblockstaaten kommen über das italienische und das griechische Fernsehen in das abgeschottete Albanien.

+++ 17. März 1990 +++ 17. März 1990 +++ 17. März 1990 +++ 17. März 1990 +++
Etwa 60.000 Gläubige erstürmen das franziskanische Antonius-Heiligtum auf der Sebaste bei Laç. Um Wallfahrten zu unterbinden, wurde hier ein militärisches Sperrgebiet errichtet. In den Ruinen der gesprengten Kirche wird der erste Gottesdienst nach über 20 Jahren gefeiert.

+++ 8. Mai 1990 +++ 8. Mai 1990 +++ 8. Mai 1990 +++ 8. Mai 1990 +++
Abschaffung des Straftatbestands „Republikflucht“ und Ahndung als „Landesverrat“.

+++ 11. - 14. Mai 1990 +++ 11. - 14. Mai 1990 +++ 11. - 14. Mai 1990 +++
UN-Generalsekretär Perez de Cuellar besucht Albanien. Albanien lässt darauf hin 6 Albaner, die sich im Dezember 1985 in die italienische Botschaft geflüchtet hatten und seither dort aufhielten, nach Italien ausreisen.

+++ 2. Juli 1990 +++ 2. Juli 1990 +++ 2. Juli 1990 +++ 2. Juli 1990 +++
5000 Albaner flüchten in Tirana in westliche Botschaften, während Sicherheitskräfte mit Gewalt gegen Demonstranten vorgehen. Fünf Tage später beschließt die albanische Regierung, den Botschaftsflüchtlingen die Ausreise zu ermöglichen, was eine Fluchtwelle auf den Hafen von Durrës auslöst.

+++ Herbst 1990 +++ Herbst 1990 +++ Herbst 1990 +++ Herbst 1990 +++
Im November wird das Religionsverbot aufgehoben und der erste öffentliche katholische Gottesdienst seit 1967 wird gefeiert. Kurze Zeit später folgen auch Orthodoxe und Muslime.

+++ Dezember 1990 +++ Dezember 1990 +++ Dezember 1990 +++ Dezember 1990 +++
Auf dem Campus der Universität Tirana wird die erste nichtkommunistische Partei, die „Demokratische Partei“, gegründet.

+++ 20. Februar 1991 +++ 20. Februar 1991 +++ 20. Februar 1991 +++
Die Statue Enver Hodschas in Tirana wird von Demonstranten gestürzt.


Tirana 1991 © Gani Xhengo


Tirana 1991 © Gani Xhengo


Tirana 1991, Quelle: Albanian Rehabilitation Center of Trauma and Torture

Albanien gibt seinen bisherigen Isolationskurs allmählich auf. Im September 1987 gehen Albanien und die Bundesrepublik offiziell diplomatische Beziehungen ein. Vorausgegangen waren inoffizielle Kontakte über mehrere Jahre.

Bereits seit Mitte der 1970er Jahre hatte Albanien sich um die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zur Bundesrepublik bemüht. Hintergrund waren Forderungen über Kriegsreparationen.
Da es laut albanischer Verfassung verboten war, ausländische Kredite aufzunehmen, sah man hier eine Möglichkeit, die leeren Staatskassen zu füllen. Die westdeutsche Seite lehnte jede Zahlung ab.

Franz Josef –Strauß, 1987 | Quelle: Bundesarchiv Am 21. August 1984 erschien der bayerische Ministerpräsident Franz-Josef Strauß überraschend zu einem Privatbesuch in Tirana. Er sondierte die Einstellung Albaniens gegenüber der Sowjetunion. Er war damit der erste westliche Politiker in Albanien. Auch nach Hoxhas Tod reiste Strauß nach Albanien (1986, 1987). Jetzt spielten wirtschaftliche Beziehungen eine Rolle.

Die Differenzen über die Entschädigungen werden beigelegt.

 

Überschrift

Albanien 1987

Auch zur DDR hat Albanien seine Beziehungen seit 1986 wieder aufgenommen. Die wirtschaftliche Not lässt die ideologischen Grabenkämpfe der Vergangenheit auf beiden Seiten ruhen. Erste, umfangreiche Abkommen werden im Juni 1989 durch DDR-Außenminister Fischer geschlossen. Fischer eruiert u.a. touristische Möglichkeiten für DDR-Bürger in Albanien.

 

Quelle: ABL

Enver Hoxha: „Unsere Partei und unser Sicherheitsdienst haben immer ein offenes Auge.“
(Quelle: Albanian Rehabilitation Center of Trauma and Torture)

Es gibt 48 Arbeitslager und 23 politische Gefängnisse. Das Berüchtigtste unter ihnen ist in Burrel. Es ist dem Sigurimi direkt unterstellt. (Quelle: Albanian Rehabilitation Center of Trauma and Torture)

Es gibt 48 Arbeitslager und 23 politische Gefängnisse. Das Berüchtigtste unter ihnen ist in Burrel. Es ist dem Sigurimi direkt unterstellt. | Quelle: Albanian Rehabilitation Center of Trauma and Torture

„Riza Ahmet Azizi – Todesstrafe. Luftar Sako Prokopeari – Todesstrafe“
Schauprozess, 1978 (Quelle: Albanian Rehabilitation Center of Trauma and Torture)

 

Die kausale Kette eines "Verbrechens"
Die Versorgungslage wird nach der Isolierung des Landes ab 1978 immer prekärer – die Gründe für politische Vergehen immer geringer. Kritik an den Versorgungsengpässen wird auf die Ebene der Systemkritik gehoben.

Zwei albanische Bauern unterhalten sich:
 
Allein diese Aussage bringt den Bauern tatsächlich ins Arbeitslager, denn sie „impliziert“ für die Machthaber, der Bauer könne damit meinen wollen:
→ Im hiesigen Dorf gibt es keine Zwiebeln.
→ Die Versorgung ist schlecht.
→ Die Wirtschaft läuft nicht.
→ Die Partei lügt.
→ Das System funktioniert nicht.
→ Konterrevolution

Siehe: Anita Niegelhell und Gabriele Ponisch: Wir sind immer im Feuer : Berichte ehemaliger politischer Gefangener im kommunistischen Albanien, 2001, S. 48

 

 

Marie Medicina: „Ich fühlte mich erniedrigt vor den Leuten, die ich vorher gekannt habe.“
Ausschnitte aus dem Film „Wounds, Pain & Hope“ - Albanian Rehabilitation Center of Trauma and Torture

 

Bardha Gjonmarkaj: „Wenn es irgendwo eine Hölle gibt, dann war sie dort.“
Ausschnitte aus dem Film „Wounds, Pain & Hope“ - Albanian Rehabilitation Center of Trauma and Torture

 

PDF Download: Auszüge eines Erlebnisberichts. Bild: vusta/iStockphotoVera S.: „Ich war von 1945 bis 1991 inhaftiert.“

- Auszüge eines Erlebnisberichts -

 


Quelle: Albanian Rehabilitation Center of Trauma and Torture Grenzen und Regeln werden ständig aufgelöst und neu definiert. Verurteilungen werden willkürlich getroffen. Auch ein "Säuberer" kann Opfer der nächsten „Säuberung“ werden.
Diese Omnipräsenz des Staates erzeugt eine Atmosphäre der Angst – keiner traut dem Anderen.
Selbst die Familien von verurteilten Menschen werden stigmatisiert. Die Sippenhaft geht soweit, dass die Gesellschaft in „gute“ und „schlechte“ Familien unterteilt ist. Die „schlechten“ oder auch „schwarzen“ Familien werden hinsichtlich ihrer Aussichten auf Bildung und Arbeit benachteiligt und häufig von ihren Mitmenschen gemieden. Ehen mit Mitgliedern solcher Familien sind verboten. Häufig werden die Ehepartner einer/s Verurteilten gezwungen, sich scheiden zu lassen, um zu verhindern, dass die ganze Familie eine „schwarze“ wird. Die Demütigung nimmt damit seinen Fortgang.

 

Eheleute Hoxha | Quelle: Albanian Rehabilitation Center of Trauma and Torture

Nexhmije Hoxha: “Wir töteten nie ohne Grund."
„Wir konnten nicht liberal sein, denn uns drohte Gefahr aus der Luft, von Land und von See. Unsere auswärtigen Feinde verbündeten sich mit den Widersachern in unserem Land. Deshalb mussten wir deren Familien zerstören und haben Querulanten samt ihren Verwandten aus Tirana ausgewiesen und zu Geiseln gemacht. Sie waren es dann, die die Aufrührer des Widerstands anflehten: Gebt die Opposition auf, sonst werden wir alle bestraft. Brüder, Cousinen, Eltern - wir haben sie alle leiden lassen, um unser gerechtes Ziel zu erreichen. Das war unsere Erziehung. […] Aber wir töteten nie ohne Grund.“ (Der Spiegel 15/2004)

 

Die ungenügende Aufarbeitung der albanischen Nachkriegsgeschichte bringt alte Politkader in neue Ämter. Korruption, Unterschlagung und Vetternwirtschaft behindern einen Ausgleich zwischen Opfern und Tätern. Der Riss in der Gesellschaft und die anhaltende wirtschaftliche Not führen in den 1990er Jahren zu einer Massenflucht und bürgerkriegsähnlichen Zuständen.

Biografien:

Bardha

Bardha Gjomarkaj wurde 1925 in Mirdita geboren. Sie ging auf eine Schule für Nonnen in Shkoder, dann aufs College in Italien. Im Jahr 1943 kam sie nach Hause, um den Urlaub mit der Familie zu verbringen. Die Grenzen wurden nach dem Krieg geschlossen und sie blieb in Albanien. 1945, im Alter von 20 Jahren, wurde sie interniert. Das Haus der Familie in Rrëshen verbrannt. Bardha Gjomarkaj und alle anderen Familienmitglieder wurden verfolgt. die älteren Söhne, Mark und Lesh, gingen in den Widerstand. Bardha Gjomarkaj war für vier Jahre in Berat interniert und danach gleich wieder verhaftet. Fünf Monate war sie an den Füßen gefesselt. Es gab keine Möglichkeit, mit anderen Gefangenen zu reden. Im Jahre 1949 brachte man sie in das Lager in Tepelena. Sie lebte mit bis zu 200 Personen zusammen. Viele starben dort an Hunger und Krankheit.

Marie

Maria Medicina wurde 1925 in Korça geboren. Hier absolvierte sie die Grundschule und ging danach auf eine medizinische Hochschule in Venedig. 1944 kann sie zurück nach Albanien und kämpfte in den Reihen der Partisanen. 1952 wurde Maria Medicina aus politischen Gründen verhaftet und zum Tode verurteilt. Nach einer Berufung des Urteils wurde die Strafe auf 25 Jahre Haft festgelegt. 14 Jahre davon war sie inhaftiert. Danach kam sie in ein Arbeitslager. 1992 wurde sie Leiterin des Komitees ehemaliger Häftlinge und Verfolgter. Sie starb 2008.

 

Überschrift

hintergrund1985

 

Hoxha stirbt am 11. April im Alter von 76 Jahren. Die kommunistische Partei inszeniert eine gigantische Trauerfeier. Im ganzen Land herrscht eine Woche Staatstrauer. Während der Beisetzung ruht überall die Arbeit. Die Sirenen von Fabriken, Zügen und Schiffen ertönen. In Tirana und zehn weiteren Städten wird Salut geschossen.

  • Trauerfeier
  • Strasse während der Trauerfeierlichkeiten
  • Massenversammlung während der Trauerfeierlichkeiten
  • Trauerfeierlichkeiten
  • Trauerfeierlichkeiten
 

In den südalbanischen Bergen seiner Geburtsstadt „lebt“ Enver Hoxha. Bis heut ist es nicht gelungen diese Inschrift zu entfernen. | Quelle: privat
In den südalbanischen Bergen seiner Geburtsstadt „lebt“ Enver Hoxha. Bis heut ist es nicht gelungen diese Inschrift zu entfernen. | Quelle: privat
 

Der Nachruf der SED beinhaltet ausschließlich Hoxhas Wirken im Partisanenkampf gegen Italien und Deutschland sowie bei der Gründung der kommunistischen Partei in Albanien.

Nachfolger wird der bisherige Ministerpräsident Ramiz Alia. Vorerst bleibt alles wie es ist. Eine vorsichtige Öffnung besteht darin, dass Alia gegenüber dem Ausland wirtschaftliche Schwierigkeiten zugibt.

Lange Vertraute Alia und Hoxha, 1984 | Quelle: Ndermarrja Librit na
Lange Vertraute Alia und Hoxha, 1984 | Quelle: Ndermarrja Librit Tirana

1952 | Quelle: “Gju me gju me popullin”, 8 NËNTORUHoxhas langjähriger Weggefährte, Ministerpräsident Mehmet Shehu (r.), kommt ums Leben.

Shehu, seit 1954 Regierungschef, stützte alle politischen Kehrtwendungen und Intrigen. Jetzt fällt er selbst über das lange Jahre praktizierte System der „Sippenhaft“. Ihm werden politische Verfehlungen seiner Familie zur Last gelegt.

Ein „Säuberer“ wird selbst Opfer einer Säuberungen.

 

  • Mehmet Shehu 1959
  • Mehmet Shehu 1968
  • Mehmet Shehu 1972
  • Mehmet Shehu 1976
  • Mehmet Shehu 1978
  • Mehmet Shehu 1978
  • Mehmet Shehu 1978
  • Mehmet Shehu 1978

Offiziell wird behauptet, er habe Selbstmord begangen. Jugoslawische Quellen dagegen berichten, es sei im Politbüro zu einem Schusswechsel zwischen dem Regierungschef und Hoxha gekommen.
Nach Shehus Tod folgt eine Säuberungsaktion, bei der fast die gesamte Regierung ausgewechselt wird. 1983 veröffentlicht Hoxha das Buch „Die Titoisten“. Darin bezichtigt er Shehu, langjähriger CIA-Agent und Agent des jugoslawischen Geheimdienstes UDB gewesen zu sein.

Der jugoslawische Geheimdienst soll auch im Jahr darauf eine entscheidende Rolle gespielt haben. Am 25. September 1982 unternehmen albanische Exilmonarchisten unter der Führung von Xhevdet Mustafa einen Landeversuch in Albanien, der mit einer blutigen Niederlage endet. Hoxha beschuldigt Jugoslawien, jedoch sind die Umstände fast vollständig unklar. Möglich ist, dass Hoxha die Landung selbst inszenierte.

Überschrift

Albanien bricht nun endgültig mit China. Damit hat sich das Land vollends isoliert. Durch diesen Alleingang ist Albanien auch im europäischen Bewusstsein verloren gegangen.

Das albanische Volk müsse den Marxismus  – Leninismus vor „Verzerrungen schützen“. 1. November 1976 | Quelle: Gju me gju me popullin, 8 NËNTORU
Das albanische Volk müsse den Marxismus – Leninismus vor „Verzerrungen schützen“. 1. November 1976 | Quelle: Gju me gju me popullin, 8 NËNTORU

Nach Maos Tod im September 1976 kommt es in China zum parteiinternen Machtkampf. Im Oktober setzen sich dort die gemäßigten Kräfte durch und beenden die „Kulturevolution“.
Auf der 7. Parteikonferenz der albanischen Kommunisten am 1. November verurteilt Hoxha „revisionistische Tendenzen“. Zwei Jahre später kommt es zum offenen Bruch mit China. Damit hat sich Albanien von seinem letzten Verbündeten losgesagt und sich vollends isoliert.

Gjirokastra | Quelle: Ndermarrja Librit TiranaSeit Beginn der 1970er Jahre verweigern sich immer mehr Jugendliche den Forderungen der Partei. In Hoxhas Geburtsstadt Gjirokastra lehnen es jetzt viele Jugendliche ab, eine zugewiesene Arbeit aufzunehmen.

Quelle: Ndermarrja Librit Tirana

 

Die neue Verfassung verkörpert die umfangreiche kreative Arbeit unseres Volkes. (28. Dezember 1976) | Quelle: “Gju me gju me popullin”, 8 NËNTORU
Die neue Verfassung verkörpert die umfangreiche kreative Arbeit unseres Volkes. (28. Dezember 1976) | Quelle: “Gju me gju me popullin”, 8 NËNTORU

Am 28. Dezember wird eine neue Verfassung verabschiedet. Darin ist u.a. im Artikel 37 der Atheismus formal festgeschrieben.

 

Albanien ist das einzige europäische Land, das nicht am KSZE-Prozess (Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) teilnimmt. Dementsprechend fehlt die albanische Unterschrift unter der Schlussakte von Helsinki, in der Vereinbarungen über Menschenrechte, wirtschaftliche Zusammenarbeit, Wissenschaft, Technik, Umwelt und Sicherheitsfragen getroffen werden.

Durch die außenpolitische Isolation des Landes „lauert“ der Feind überall. Hoxha propagiert „höchste Wachsamkeit“ gegenüber vermeintlichen Invasoren. Bis Anfang der 1980er Jahre kommt es zur totalen „Bunkerisierung“ des Landes. Die Bunker bilden Schutzwälle in mehreren Reihen durch das ganze Land mit Tirana als Zentrum. Die Schätzungen reichen von 700.000 bis 800.000 Bunker.

Wie Narben sind die Relikte noch heute überall zu sehen.

  • Bunkerisierung des Landes
  • Bunkerisierung des Landes
  • Bunkerisierung des Landes
  • Bunkerisierung des Landes
  • Bunkerisierung des Landes
 

Bunkerisierung des Lande | Quelle: ABL/J.Eßbach, 2011

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