Archiv Bürgerbewegung Leipzig e.V.

Alle Artikel, Audios und Videos zu Albanien.

Auf der europäischen Landkarte gibt es einen „weißen Fleck“. Mit Erstaunen nimmt die Weltöffentlichkeit die politische Instabilität der 1991ausgerufenen Republik Albanien wahr. Bürgerkriegsähnliche Unruhen, wirtschaftliche Katastrophen und riesige Flüchtlingsströme prägen die 1990er Jahre. Hintergrund ist die jahrzehntelange Politik des Diktators Enver Hoxha. Sie führte zur absoluten politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Isolation des Landes. Von Europa nahezu unbemerkt hat sich ein autokratisches System ungeahnten Ausmaßes entwickelt. Kennzeichen sind ein ausgeprägter Personenkult und willkürliche Repressionen bis hin zum Mord gegen die eigene Bevölkerung.
Auch in der DDR nahm man wenig Notiz von Albanien. An dieser Stelle soll deshalb ein „Spot“ auf die diktatorischen Zustände geworfen werden.

Unter dem Eindruck der Ereignisse in Osteuropa lockern sich die Verhältnisse in Albanien. So fand im September 1989 eine „Deutsche Kulturwoche“ statt. Bereits im August 1989 konnte die Friedensnobelpreisträgerin Mutter Teresa ihr Heimatland besuchen.


Quelle: Albanian Rehabilitation Center of Trauma and Torture

 

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+++ Januar 1990 +++ Januar 1990 +++ Januar 1990 +++ Januar 1990 +++
In Shkodra kommt es zu ersten Demonstrationen gegen das Regime, bei dem Jugendliche versuchen, das Stalin-Denkmal zu stürzen. Die Nachrichten von den Entwicklungen in den anderen Ostblockstaaten kommen über das italienische und das griechische Fernsehen in das abgeschottete Albanien.

+++ 17. März 1990 +++ 17. März 1990 +++ 17. März 1990 +++ 17. März 1990 +++
Etwa 60.000 Gläubige erstürmen das franziskanische Antonius-Heiligtum auf der Sebaste bei Laç. Um Wallfahrten zu unterbinden, wurde hier ein militärisches Sperrgebiet errichtet. In den Ruinen der gesprengten Kirche wird der erste Gottesdienst nach über 20 Jahren gefeiert.

+++ 8. Mai 1990 +++ 8. Mai 1990 +++ 8. Mai 1990 +++ 8. Mai 1990 +++
Abschaffung des Straftatbestands „Republikflucht“ und Ahndung als „Landesverrat“.

+++ 11. - 14. Mai 1990 +++ 11. - 14. Mai 1990 +++ 11. - 14. Mai 1990 +++
UN-Generalsekretär Perez de Cuellar besucht Albanien. Albanien lässt darauf hin 6 Albaner, die sich im Dezember 1985 in die italienische Botschaft geflüchtet hatten und seither dort aufhielten, nach Italien ausreisen.

+++ 2. Juli 1990 +++ 2. Juli 1990 +++ 2. Juli 1990 +++ 2. Juli 1990 +++
5000 Albaner flüchten in Tirana in westliche Botschaften, während Sicherheitskräfte mit Gewalt gegen Demonstranten vorgehen. Fünf Tage später beschließt die albanische Regierung, den Botschaftsflüchtlingen die Ausreise zu ermöglichen, was eine Fluchtwelle auf den Hafen von Durrës auslöst.

+++ Herbst 1990 +++ Herbst 1990 +++ Herbst 1990 +++ Herbst 1990 +++
Im November wird das Religionsverbot aufgehoben und der erste öffentliche katholische Gottesdienst seit 1967 wird gefeiert. Kurze Zeit später folgen auch Orthodoxe und Muslime.

+++ Dezember 1990 +++ Dezember 1990 +++ Dezember 1990 +++ Dezember 1990 +++
Auf dem Campus der Universität Tirana wird die erste nichtkommunistische Partei, die „Demokratische Partei“, gegründet.

+++ 20. Februar 1991 +++ 20. Februar 1991 +++ 20. Februar 1991 +++
Die Statue Enver Hodschas in Tirana wird von Demonstranten gestürzt.


Tirana 1991 © Gani Xhengo


Tirana 1991 © Gani Xhengo


Tirana 1991, Quelle: Albanian Rehabilitation Center of Trauma and Torture

Albanien gibt seinen bisherigen Isolationskurs allmählich auf. Im September 1987 gehen Albanien und die Bundesrepublik offiziell diplomatische Beziehungen ein. Vorausgegangen waren inoffizielle Kontakte über mehrere Jahre.

Bereits seit Mitte der 1970er Jahre hatte Albanien sich um die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zur Bundesrepublik bemüht. Hintergrund waren Forderungen über Kriegsreparationen.
Da es laut albanischer Verfassung verboten war, ausländische Kredite aufzunehmen, sah man hier eine Möglichkeit, die leeren Staatskassen zu füllen. Die westdeutsche Seite lehnte jede Zahlung ab.

Franz Josef –Strauß, 1987 | Quelle: Bundesarchiv Am 21. August 1984 erschien der bayerische Ministerpräsident Franz-Josef Strauß überraschend zu einem Privatbesuch in Tirana. Er sondierte die Einstellung Albaniens gegenüber der Sowjetunion. Er war damit der erste westliche Politiker in Albanien. Auch nach Hoxhas Tod reiste Strauß nach Albanien (1986, 1987). Jetzt spielten wirtschaftliche Beziehungen eine Rolle.

Die Differenzen über die Entschädigungen werden beigelegt.

 

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Albanien 1987

Auch zur DDR hat Albanien seine Beziehungen seit 1986 wieder aufgenommen. Die wirtschaftliche Not lässt die ideologischen Grabenkämpfe der Vergangenheit auf beiden Seiten ruhen. Erste, umfangreiche Abkommen werden im Juni 1989 durch DDR-Außenminister Fischer geschlossen. Fischer eruiert u.a. touristische Möglichkeiten für DDR-Bürger in Albanien.

 

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hintergrund1985

 

Hoxha stirbt am 11. April im Alter von 76 Jahren. Die kommunistische Partei inszeniert eine gigantische Trauerfeier. Im ganzen Land herrscht eine Woche Staatstrauer. Während der Beisetzung ruht überall die Arbeit. Die Sirenen von Fabriken, Zügen und Schiffen ertönen. In Tirana und zehn weiteren Städten wird Salut geschossen.

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In den südalbanischen Bergen seiner Geburtsstadt „lebt“ Enver Hoxha. Bis heut ist es nicht gelungen diese Inschrift zu entfernen. | Quelle: privat
In den südalbanischen Bergen seiner Geburtsstadt „lebt“ Enver Hoxha. Bis heut ist es nicht gelungen diese Inschrift zu entfernen. | Quelle: privat
 

Der Nachruf der SED beinhaltet ausschließlich Hoxhas Wirken im Partisanenkampf gegen Italien und Deutschland sowie bei der Gründung der kommunistischen Partei in Albanien.

Nachfolger wird der bisherige Ministerpräsident Ramiz Alia. Vorerst bleibt alles wie es ist. Eine vorsichtige Öffnung besteht darin, dass Alia gegenüber dem Ausland wirtschaftliche Schwierigkeiten zugibt.

Lange Vertraute Alia und Hoxha, 1984 | Quelle: Ndermarrja Librit na
Lange Vertraute Alia und Hoxha, 1984 | Quelle: Ndermarrja Librit Tirana

1952 | Quelle: “Gju me gju me popullin”, 8 NËNTORUHoxhas langjähriger Weggefährte, Ministerpräsident Mehmet Shehu (r.), kommt ums Leben.

Shehu, seit 1954 Regierungschef, stützte alle politischen Kehrtwendungen und Intrigen. Jetzt fällt er selbst über das lange Jahre praktizierte System der „Sippenhaft“. Ihm werden politische Verfehlungen seiner Familie zur Last gelegt.

Ein „Säuberer“ wird selbst Opfer einer Säuberungen.

 

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Offiziell wird behauptet, er habe Selbstmord begangen. Jugoslawische Quellen dagegen berichten, es sei im Politbüro zu einem Schusswechsel zwischen dem Regierungschef und Hoxha gekommen.
Nach Shehus Tod folgt eine Säuberungsaktion, bei der fast die gesamte Regierung ausgewechselt wird. 1983 veröffentlicht Hoxha das Buch „Die Titoisten“. Darin bezichtigt er Shehu, langjähriger CIA-Agent und Agent des jugoslawischen Geheimdienstes UDB gewesen zu sein.

Der jugoslawische Geheimdienst soll auch im Jahr darauf eine entscheidende Rolle gespielt haben. Am 25. September 1982 unternehmen albanische Exilmonarchisten unter der Führung von Xhevdet Mustafa einen Landeversuch in Albanien, der mit einer blutigen Niederlage endet. Hoxha beschuldigt Jugoslawien, jedoch sind die Umstände fast vollständig unklar. Möglich ist, dass Hoxha die Landung selbst inszenierte.

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Albanien bricht nun endgültig mit China. Damit hat sich das Land vollends isoliert. Durch diesen Alleingang ist Albanien auch im europäischen Bewusstsein verloren gegangen.

Das albanische Volk müsse den Marxismus  – Leninismus vor „Verzerrungen schützen“. 1. November 1976 | Quelle: Gju me gju me popullin, 8 NËNTORU
Das albanische Volk müsse den Marxismus – Leninismus vor „Verzerrungen schützen“. 1. November 1976 | Quelle: Gju me gju me popullin, 8 NËNTORU

Nach Maos Tod im September 1976 kommt es in China zum parteiinternen Machtkampf. Im Oktober setzen sich dort die gemäßigten Kräfte durch und beenden die „Kulturevolution“.
Auf der 7. Parteikonferenz der albanischen Kommunisten am 1. November verurteilt Hoxha „revisionistische Tendenzen“. Zwei Jahre später kommt es zum offenen Bruch mit China. Damit hat sich Albanien von seinem letzten Verbündeten losgesagt und sich vollends isoliert.

Gjirokastra | Quelle: Ndermarrja Librit TiranaSeit Beginn der 1970er Jahre verweigern sich immer mehr Jugendliche den Forderungen der Partei. In Hoxhas Geburtsstadt Gjirokastra lehnen es jetzt viele Jugendliche ab, eine zugewiesene Arbeit aufzunehmen.

Quelle: Ndermarrja Librit Tirana

 

Die neue Verfassung verkörpert die umfangreiche kreative Arbeit unseres Volkes. (28. Dezember 1976) | Quelle: “Gju me gju me popullin”, 8 NËNTORU
Die neue Verfassung verkörpert die umfangreiche kreative Arbeit unseres Volkes. (28. Dezember 1976) | Quelle: “Gju me gju me popullin”, 8 NËNTORU

Am 28. Dezember wird eine neue Verfassung verabschiedet. Darin ist u.a. im Artikel 37 der Atheismus formal festgeschrieben.

 

Albanien ist das einzige europäische Land, das nicht am KSZE-Prozess (Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) teilnimmt. Dementsprechend fehlt die albanische Unterschrift unter der Schlussakte von Helsinki, in der Vereinbarungen über Menschenrechte, wirtschaftliche Zusammenarbeit, Wissenschaft, Technik, Umwelt und Sicherheitsfragen getroffen werden.

Durch die außenpolitische Isolation des Landes „lauert“ der Feind überall. Hoxha propagiert „höchste Wachsamkeit“ gegenüber vermeintlichen Invasoren. Bis Anfang der 1980er Jahre kommt es zur totalen „Bunkerisierung“ des Landes. Die Bunker bilden Schutzwälle in mehreren Reihen durch das ganze Land mit Tirana als Zentrum. Die Schätzungen reichen von 700.000 bis 800.000 Bunker.

Wie Narben sind die Relikte noch heute überall zu sehen.

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Bunkerisierung des Lande | Quelle: ABL/J.Eßbach, 2011

23. August 1968
Hoxha verurteilt den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in Prag zur Niederschlagung des „Prager Frühlings“ als „Aggression sowjetischer Revisionisten und ihrer Satelliten“.

13. September 1968
Aus Protest gegen den Einmarsch in die ČSSR verlässt Albanien den RGW und den Warschauer Pakt. Der Warschauer Pakt gilt für Albanien nunmehr wie die NATO als „aggressiver Militärpakt“. Die Vereinbarungen zum „Warschauer Vertrag“ sehen jedoch keine Austrittsmöglichkeit vor. Er wird aber still schweigend hingenommen.

Nachdem China bereits 1962 mit der Sowjetunion gebrochen hatte, wird das „Reich der Mitte“ Hoxhas letzter Verbündeter. Diese Entwicklung führt Albanien endgültig in die Isolation.


Treffen mit dem chinesischen Regierungschef Zhou Enlai, 1965 | Quelle: Ndermarrja Librit Tirana

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