Archiv Bürgerbewegung Leipzig e.V.

Alle Artikel, Audios und Videos zur ČSSR.

Der „Prager Frühling“ ist über die Ländergrenzen hinaus zum Synonym für gesellschaftlichen Fortschritt und Zivilcourage geworden. Im internationalen Kontext stellen die Ereignisse in der ČSSR ebenso wie die zeitgleichen "68er"-Jugendrevolten in der westlichen Welt den Status quo des Kalten Krieges in Frage. Der Begriff „Prager Frühling“ impliziert aber gleichermaßen Wut über die militärische Invasion durch die fünf „befreundeten“ sozialistischen Armeen. Es bleibt das Bewusstsein, dass der Staatssozialismus nicht reformierbar ist. Nach dieser großen Enttäuschung macht sich jahrelange Resignation im Nachbarland breit.
Aus der Erfahrung von 1968 entstehen durch die tschechoslowakische Opposition (Charta 77) in den 1980er Jahren wichtige Impulse für eine europäische Einheit. Im Zentrum steht das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Explizit wird dabei die deutsche Teilung angesprochen als Kulminationspunkt der europäischen Teilung. Innerhalb der europäischen Diskussion wird damit ein Tabu gebrochen.

 

Verhaftungswelle und internationaler Protest

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Prager Wenzelsplatz | Quelle: ČTKAnfang Januar 1989 kündigen fünf unabhängige Bürgerinitiativen, darunter die Charta 77, für den 15. Januar eine Gedenkveranstaltung auf dem Prager Wenzelsplatz an. Vor 20 Jahren, nach der Niederschlagung des Prager Frühlings, hatte sich der Student Jan Palach in einem Akt der politischen Verzweiflung selbst verbrannt.

Die Staatsmacht ist gewarnt und reagiert: Die Polizei versucht mit 2.000 Einsatzkräften schon in den frühen Morgenstunden des 15. Januar, die angekündigte Gedenkveranstaltung zu verhindern. Der Wenzelsplatz wird abgeriegelt und Mitglieder der veranstaltenden Bürgerinitiativen verhaftet.

Wenzelsplatz 1989
Prager Wenzelsplatz | Quelle: ČTK

Dennoch gelingt es einigen Hundert, auf den Wenzelsplatz vorzudringen und Blumen an der Stelle niederzulegen, wo sich der Student 1969 verbrannte. Zusätzlich ziehen etwa zwölf Demonstrationszüge mit jeweils 50 bis 300 Menschen durch die Straßen.

Wenzelsplatz 1989
Prager Wenzelsplatz | Quelle: ČTK

Am 17. Januar erreicht die Polizeigewalt ihren Höhepunkt. Auf dem Wenzelsplatz werden etwa 3.000 Demonstranten eingekesselt und brutal zusammengeknüppelt. Insgesamt werden 800 Personen in Polizeigewahrsam genommen und 76 von ihnen angeklagt.

Wenzelsplatz 1989
Prager Wenzelsplatz | Quelle: ČTK

Der harte Polizeieinsatz löst internationale Proteste aus, u. a. protestieren die Teilnehmer der gerade in Wien tagenden KSZE und das Europaparlament.
Unbeeindruckt bleiben die Prager Bürger selbst, die in den folgenden Tagen zunächst zu Hunderten, dann zu Tausenden auf den Wenzelsplatz kommen, um ihrem Protest Ausdruck zu verleihen. Der Einsatz von Wasserwerfern, Tränengas und Gummiknüppeln veranlasst den Prager Erzbischof Tomásek dazu, einen scharfen Protest an die Regierung zu formulieren.

Wenzelsplatz 1989
Prager Wenzelsplatz | Quelle: ČTK

Das Grab von Jan Palach, an dem sich am 21. Januar zahlreiche Menschen versammeln wollen, wird durch die Polizei abgeriegelt.

Neues Deutschland vom 22.2.1989Am 19. Januar wird der Regimekritiker Vacláv Havel gemeinsam mit anderen Mitstreitern verhaftet. Am 21. Februar wird der mittlerweile „berühmteste“ Dissident der ČSSR zu neun Monaten verschärfter Haft verurteilt. Dieses Urteil löst eine weltweite Solidaritätswelle aus. So veranstalten u.a. DDR-Oppositionelle im Februar / März zahlreiche Solidaritätsaktionen für die Inhaftierten. Damit schaffen sie eine Gegenöffentlichkeit für das Unrecht im Nachbarland, das die SED offiziell rechtfertigt.
Auf Druck der internationalen Öffentlichkeit wird Havel im Mai vorzeitig aus der Haft entlassen.

 

Ignoranz und Machtgebaren

Während in Polen am „runden Tisch“ ein gesellschaftlicher Konsens erarbeitet wird und in Ungarn der „Eiserne Vorhang“ fällt, meint man in Prag die Zeit anhalten zu können. Dementsprechend ist man auch auf die Aktionen zum 21. Jahrestag der Niederschlagung des Prager Frühlings vorbereitet. Am 21. August 1989 demonstrieren wieder ca. 3.000 Menschen in Prag. Gegenüber neuen sowjetischen Signalen einer historischen Neubewertung der Ereignisse von 1968 als eine Invasion zeigt man sich in Prag immun und die Demonstration wird gewaltsam aufgelöst.

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KP-Chef Jakeš begründet den Einsatz so: "Deshalb können wir die Taten dieser Gruppen bei uns nicht tolerieren, die sich um eine Rückkehr zu den Verhältnisse vor dem Februar 1948 bemühen und nicht zögern Terror gegen diejenigen loszubrechen, die ihre antisozialistischen Taten verurteilen.“
(z.n. Radio Praha)

Das Verharren in alten Denk- und Machtstrukturen führt zu einem Fauxpas der besonderen Art. Noch im Oktober 1989 wird eine neue 100-Kronen-Note eingeführt, auf der das Bildnis des Stalinisten Klement Gottwald prangt.

Kam man bereits 1955 mit dem weltgrößten Stalin-Denkmal „etwas“ zu spät, so zeigt sich die KP-Führung mit der Huldigung Gottwalds im Alltag ähnlich ignorant und selbstsicher.

Samtene Revolution

Am 9. November bricht mit dem Fall der Berliner Mauer das SED-Regime in der DDR endgültig zusammen. Doch erst eine Woche später am 17. November beginnt in der ČSSR die sogenannte „samtene Revolution“.
Auslöser ist eine Gedenkveranstaltung an den Mut und die Zivilcourage tschechischer Studenten, die sich im Herbst 1939 den deutschen Besatzern widersetzten:

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Nach tagelangen Studentenprotesten im Zusammenhang mit dem tschechoslowakischen Unabhängigkeitstag vom 28. Oktober 1939 schlossen die Nationalsozialisten am 17. November alle tschechischen Hochschulen. Sie ermordeten neun Studenten und über 2.000 Menschen kamen in das KZ Sachsenhausen. Seit 1941 wird der Tag als „Internationaler Studententag“ begangen. Dieser Widerstandswille gegen die deutschen Besatzer bildet die konstituierende Kraft, zum 50. Jahrestag 1989 auf die Straße zu gehen.

 

Aus dem Gedenken wird schnell ein politischer Protest, an dem sich 15.000 Menschen beteiligen.

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Die Staatsmacht reagiert wieder mit einem brutalen Polizeieinsatz. Etwa 600 Menschen werden verletzt. Doch beflügelt von den Ereignissen in den Nachbarländern, geben die Studenten nicht auf. Sie rufen zu einem unbefristeten Studentenstreik auf, dem sich die Schauspieler der Prager Theater anschließen. (Quelle: ABL)

Als Plattform für die Streikenden gründet sich am 19. November das „Bürgerforum“ (Občanské Fórum - OF) im tschechischen und die „Öffentlichkeit gegen Gewalt“ (Verejnosť proti násiliu) im slowakischen Teil der Republik. Das Ziel ist, einen Dialog mit dem Regime herzustellen. Vacláv Havel ist der führende Vertreter des „Bürgerforums“.

Im Laufe der folgenden Tage ergreifen die Demonstrationen und Proteste das ganze Land. Mobilisierend wirkt das Engagement der Symbolfigur des Prager Frühlings, Alexander Dubček. Seine Rückkehr in das öffentliche Leben vermittelt, dass der Prozess der Veränderungen nicht mehr aufzuhalten ist.

 

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ND 30.11.1989

Nach dem jahrelangen Machtkampf gegen die ganze Gesellschaft muss die kommunistische Partei nun aufgeben. Zwar versucht man am 24. November durch personelle Veränderungen noch etwas zu retten, in dem Karel Urbánek zum Parteichef berufen wird. Die Bevölkerung reagiert darauf mit einem landesweiten Generalstreik am 27. November. Die Verhandlungen zwischen dem „Bürgerforum“ und der Regierung beginnen am 28. November und am Tag darauf gibt die KPČ ihren politischen Führungsanspruch auf. Husáks letzte Amtshandlung ist die Ernennung einer „Regierung des nationalen Einverständnisses“ mit dem Kommunisten Marián Čalfa als Ministerpräsident und dem Dissidenten Jiří Dienstbier als Außenminister. Am selben Tag, dem 10. Dezember, tritt auch er zurück.


Husáks Rücktrittsrede in einem Prager „Hostinec“. Quelle: ČTK

 

wandzeitung

 

 

 

 

ein-/ausblenden der Übersetzung der Plakate am Heiligen Wenzel in Prag.



Gestern sind sie in den Streik getreten.

Freiheit – Souveränität – Sozialismus – Demokratie

Polen ist mit Euch

Unterstütze die Studenten – Unterstütze den Frühling

Die Auszubildenden des SOU gehen am 27.11. in den Streik. Unterstützen wir die Studenten! Für das SOU - der Streikrat - SOU = Střední Odborné učiliště – Berufsfachschule

Steht ein für die Forderungen der Studenten! Teplice/Böhmen

Studenten! PF Pilsen ist mit Euch!

Schluss mit der Ein-Parteien-Regierung

Ehrlich und ohne Gewalt!

Privatleute! Wir sind mit Euch und mit dem Bürgerforum!

SOU PSC unterstützt die Studenten mit einem Streik ab dem 27.

Fordert freie Wahlen und die Abschaffung des Monopols der KSC!

Litauen unterstützt Euch!

Wenn der Herrscher selbst ein aufrechter Mann ist, wird alles gutgehen, auch wenn er keine Befehle gibt. Ist er aber kein aufrechter Mann, mag er Befehle geben, so viel er will; sie werden doch nicht befolgt werden. - Konfuzius

 

 

 

  

 Am 28. Dezember wird Alexander Dubček zum Parlamentspräsidenten und am 29. Dezember Vacláv Havel einstimmig zum Staatspräsidenten gewählt.

Vacláv Havel – Der Bürgerpräsident (1936 – 2011)


Havel konnte sich einer in der Politik ungewöhnlichen Popularität erfreuen. Er galt als moralische Autorität und glaubwürdige Persönlichkeit des Landes. "Havel na Hrad!" - "Havel auf die Burg!" hatten die Menschen in den Straßen skandiert. Als Staatspräsident führte er das Land am 5. Juli 1990 zu freien Wahlen. Das neue Parlament bestätigte ihn als Präsident. Bis 2003 hatte er diese Funktion mit einer kurzen Unterbrechung inne.

Trauer Trikolore

Als Vacláv Havel am 18. Dezember 2011 starb, nahmen Menschen aus dem In- und Ausland, Prominente und Privatpersonen, Alte und Junge von ihm Abschied. Wieder war das Reiterdenkmal auf dem Wenzelsplatz Treffpunkt für alle Trauernden. Auch das Gedenkkonzert, u.a. mit der Band „Plastic People of the universe“, wurde auf einer großen Leinwand dahin übertragen.
Dieses persönliche Bedürfnis, einem Staatsmann die letzte Ehre zu erweisen, ist für hiesige Verhältnisse kaum vorstellbar.
Der gesellschaftliche Konsens zur Trauer

 

Zeitstrahl

Im gesellschaftlichen Bewusstsein der Tschechen und Slowaken spielen alle auf eine „8“ endenden Jahre eine besondere Rolle und man erhofft sich demzufolge von 1988 Veränderungen.

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Erstmals seit 20 Jahren würdigt das kommunistische Regime den tschechoslowakischen Unabhängigkeitstag. Die Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag der Staatsgründung der ČSR am 28. Oktober sind ein vorsichtiges Zugeständnis gegenüber der allgemeinen Unzufriedenheit. Ein generelles Umdenken in der Führungsspitze findet jedoch nicht statt.
Im Gegenteil: Eine Demonstration mit 5.000 Teilnehmern wird von der Polizei gewaltsam aufgelöst. Bereits im Vorfeld des Nationalfeiertages waren über 100 Personen verhaftet worden, darunter zahlreiche Mitglieder der Charta 77.

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Bereits am 21. August 1988, dem 20. Jahrestag der Invasion, kommt es zu einer Demonstration von 10.000 Menschen. Die beiden oppositionellen Gruppen „Tschechische Kinder“ und die „Unabhängige Friedensvereinigung“ haben sie organisiert. Es wird der Abzug der sowjetischen Truppen sowie Meinungs- und Pressefreiheit gefordert. Die Demonstration wird am Abend gewaltsam aufgelöst.

Frank Schumaier: „Das war ein Erlebnis, das Eindruck hinterlassen hat.“
Die Geschichte in der Geschichte: Durch Zufall kommen der 18-jährige und seine Freunde am 21. August 1988 nach Prag. Beeindruckend fanden die jungen Leute die authentischen Zeitzeugenberichte von 1968. Von den Ereignissen des Prager Frühlings wussten sie bis dahin nur wenig Konkretes. (Quelle: ABL)

Comic

Ablauf

Das Jahr 1988 bringt die erhofften Änderungen nicht, doch viele Tschechen und Slowaken haben die jahrelange Lethargie überwunden.

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Neues Deutschland 11./12.4.1987Michael Gorbatschow kommt im April 1987 zu einem Staatsbesuch nach Prag. Schon im Vorfeld sind Karikaturen der Staatsführung an Häuserwänden aufgetaucht, deren Texte besagen „Sie alle hätten was von Mischa verdient!“
Gorbatschow wird von den Menschen bejubelt und gefeiert, wie es angesichts der Ereignisse von 1968 für ein sowjetisches Staatsoberhaupt niemand für möglich gehalten hätte.
Gorbatschow spricht in Prag vom „gesamteuropäischem Haus“ und dem „neuen Denken“. Er kündigt dabei tiefgreifende Veränderungen in der sozialistischen Welt an.
Diese neuen Worte bleiben für die KPČ-Führung „böhmische Dörfer“ oder wie die Tschechen sagen würden „spanische Dörfer“.

Prag, 9.4.1987 | Quelle: ČTK
Prag, 9.4.1987 | Quelle: ČTK

Milouš Jakeš | Quelle: ČTKAm 17. Dezember 1987 wird der 65-jährige Milouš Jakeš neuer Generalsekretär der kommunistischen Partei. Er löst damit Gustáv Husák ab, der Staatspräsident bleibt. Aber auch mit Jakeš sind keine Reformen zu erwarten, gehört dieser doch zu der Fraktion, die den Einmarsch 1968 befürwortete und danach für die „Säuberungen“ Mitverantwortung trägt.
Der notwendige Umbau der Kommandowirtschaft (40% des Staatshaushaltes werden für Subventionen ausgegeben) beschränkt sich auf eine geringfügig eingeräumte Selbständigkeit für die Staatsbetriebe. Ein verbessertes Konsumangebot soll die resignierte Bevölkerung beruhigen.
Jakeš ist nicht die Persönlichkeit, die das verlorene Vertrauen der Bevölkerung zurück gewinnen kann.

Konfessioneller Protest

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Neues Deutschland vom 8.7.19856. - 7. Juli 1985
An den St. Cyrill- und Methodius-Feierlichkeiten im mährischen Velehrad nehmen zur Überraschung und zum Unbehagen des Regimes 200.000 Gläubige teil. Das Regime versucht, die christliche Wallfahrt in ihrem Sinne zu beeinflussen. Als der Kulturminister Klusák die Menge zum „Friedensfest“ begrüßt, wird er von den Gläubigen ausgelacht und ausgepfiffen. In Sprechchören riefen die Teilnehmer nach Religionsfreiheit, dem Papst und der Kirche.
Der Prager Erzbischof Tomásek hatte anlässlich des 1.100. Todestages des Heiligen Methodius auch Papst Johannes Paul II. eingeladen – die Einladung unterschrieben 18.000 Menschen.
Das Ereignis in Velehrad löst in einer Kettenreaktion einen verstärkten Zustrom zu christlichen Pilgerfahrten in Böhmen und Mähren aus. Es trägt dazu bei, die bürgerliche mit der kirchlichen Opposition zu verbinden und bringt Tschechen und Slowaken einander näher.

 

Velehrad, 1985 | Quelle: ČTK
Velehrad, 1985 | Quelle: ČTK

Die Restriktionen gegenüber Gläubigen verschärften sich mit der Wahl Papst Johannes Paul II. im Jahr 1978. Die kommunistische Führung befürchtet einen ähnlichen Impuls wie in Polen.

Stalinistische Methoden der Säkularisierung bleiben an der Tagesordnung:

→ Der seit Dezember 1980 mit Berufsverbot belegte Seelsorger Anton Zlatohlavy wird 1981 verhaftet und zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, weil er illegal in seiner kleinen Gemeinde in der Ostslowakei ein Pfarrhaus errichtet hat.

→ 1981: In Bratislava wird ein Arbeiter zu zwei Jahren Haft verurteilt, weil er als heimlicher Ordensbruder jungen Roma und Sinti Religionsunterricht erteilt hatte.

→ Im September 1981 werden in Olmütz zwei Priester und vier Laien der Untergrundkirche angeklagt, weil sie illegal eine Druckerei für religiöse Schriften betrieben haben. Einer der Priester wird später nochmals vor Gericht gestellt, weil er zwei westdeutsche Glaubensbrüder über die Lage der Kirche in der ČSSR informiert.

→ 1981: Ende Oktober stürmen Polizisten das Kloster Kadan, das 90 Ordensschwestern beherbergt. Es werden religiöse Schriften und Vervielfältigungsmaschinen beschlagnahmt, obwohl diese amtlich angemeldet sind. Zusätzlich wird das Gerücht verbreitet, die Nonnen hätten sechs Polen versteckt und einen Geheimsender betrieben. Eine ähnliche Aktion findet auch in dem Männerkloster Zdar nad Sazavou in Mähren statt.

 

Jugendlicher Protest

Quelle: archive. orgZu einer „Pilgerfahrt“ der ganz anderen Art kommt es am 8. Dezember 1985. Es wird der 5. Todestag des Ex-Beatles John Lennon, der 1980 einem Attentat zum Opfer fiel, begangen. Über 600 Jugendliche aus verschiedenen Teilen des Landes kommen nach Prag. An einer unscheinbaren Altstädter Mauer ist seit 1981 die „John Lennon Wall“ entstanden, die Jugendliche alljährlich mit Songzitaten und Losungen bemalen, auch wenn das Regime die Mauer immer wieder übertüncht.

 

John-Lennon-Wall

PDF Download: Bericht 8.12.1985 Bild: vusta/iStockphoto„Wir wollen Freiheit! Wir wollen Frieden!“
Aus dem Andenken entwickelt sich ein politischer Protestzug durch die Prager Innenstadt, dem sich immer mehr Menschen anschließen.
Aus Infoch 1/1986 | Quelle: ABL

 

John-Lennon-Wall, 2011, Quelle: privat
John-Lennon-Wall, 2011, Quelle: privat

Neues Deutschland vom 8.7.1985Des Weiteren wird eine jugendliche Subkultur, ähnlich wie in der DDR, auf Grund ihres äußeren Erscheinungsbildes kriminalisiert. Mit den anfänglich unpolitischen Punks sind die sozialistischen Organe überfordert. Ihr Habitus passt in keinen sozialistischen Alltag. Sie nehmen sich Freiheiten ohne sich unter- und einzuordnen. Oft sind es erst die Ausgrenzung und die Diskriminierung, die die Jugendlichen politisieren.

Literatur: Gitarren und Geschrei - oder was hinter der Mauer war:
Punk und Hardcore in der Tschechoslowakei vor 1989. (Bisher gibt es keine deutsche Auflage.)

1987 versuchen Punks aus Pilzen, den Repressionen gegen sie zu begegnen. In der ČSSR werden derart unangepasste Jugendliche in psychiatrische Anstalten oder Jugendgefängnisse gesperrt. Auch wenn ihre Petition an Staatschef Husák daran nichts ändert, so wird ihr Leidensdruck durch die Charta 77 öffentlich gemacht.


Quelle: Open Society Archive Budapest

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Am 1. Januar 1977 erscheint eine von 243 Menschen unterschriebene Erklärung gegen die Menschenrechtsverletzungen in der ČSSR, die sogenannte „CHARTA 77“. Darin wird der Widerspruch zwischen den Deklarationen des Staates zum Thema „Grundrechte“ und der Realität angeprangert. Die Unterdrückungsmechanismen in der ČSSR seien dabei institutionalisiert.
CHARTA 77 versteht sich als „…eine freie, informelle und offene Gemeinschaft von Menschen verschiedener Überzeugungen, verschiedener Religionen und verschiedener Berufe, verbunden durch den Willen, sich einzeln und gemeinsam für die Respektierung der Bürger- und Menschenrechte in unserem Land und in der Welt einzusetzen.“

PDF Download: Manifest der Charta 77 Bild: vusta/iStockphoto„Menschen werden zu Opfern einer Apartheid“
Am 6. Januar soll die Erklärung der Regierung der ČSSR übergeben werden. Doch der Geheimdienst verhinderte dies. Am 7. Januar erscheint das Statement in führenden Tageszeitungen in Frankreich, Großbritannien und der Bundesrepublik.
Quelle: ABL

 

Die ersten Sprecher der Charta 77 sind:

Jiří Hájek Václav Havel Jan Patočka
Jiří Hájek Václav Havel Jan Patočka
Der Kommunist Hájek war seit 1955 im Staatsdienst und unter Dubček Außenminister. Den Einmarsch 1968 verurteilte er vor der UNO.  1970 fiel er den politischen Parteisäuberungen zum Opfer. Der Dramatiker Havel wurde nach 1968 mit einem Aufführ- und Publikationsverbot belegt. Mit Gelegenheitsarbeiten verdient er seinen Lebensunterhalt. Insgesamt wird Havel etwa fünf Jahre im Gefängnis sitzen.

Dem Philosophen Patočka wird der universitäre Zugang verwehrt. Nach einem 11stündigen Polizeiverhör bricht der 69-Jährige mit einem Herzinfarkt zusammen und stirbt 10 Tage später am 13. März 1977.

 

Der Veröffentlichung der Charta 77 in der westlichen Presse folgt eine Welle von Verhaftungen und Repressalien. Manche Unterzeichner verlieren ihre Anstellung, ihren Führerschein, ihre Wohnung, ihre Rentenansprüche. Die Regierung inszeniert eine „Anti-Charta“ und zwingt die Bevölkerung, die Charta 77 öffentlich zu verurteilen. Die Kampagne gipfelt am 28. Januar in einer Versammlung im Nationaltheater, die die Einheit der Künstler des Landes mit der Parteiführung demonstrieren soll.
Mit diesem immensen Propagandaaufwand sorgt das Regime unfreiwillig für eine Verbreitung der Charta 77.

 

Ein wichtiges konstituierendes Element, das zur Gründung der Charta 77 führt, sind die Ereignisse um die Band „Plastic People of the Universe“.
Im Zuge von Husáks „Normalisierung“ entwickelt sich eine vielfältige Gegenkultur. Zu einer der einflussreichsten Bands des Undergrounds gehören die 1969 gegründeten „Plastic People of the Universe“. Anfangs angelehnt an die Musik von „Velvet Underground“, entwickelt die Band eine eigene Stilrichtung und greift in ihren Texten die Lyrik tschechischer Dichter wie Egon Bondy auf.


Plastic People of the Universe | Quelle: ČTK

Nach Auftrittsverboten beschränkt sich die Band auf Konzerte im vornehmlich privaten Rahmen. Sie treten u.a. auch mehrfach im Haus von Václav Havel auf. 

Havels HausIn Havels Haus in Hrádeček (Trutnov) finden regelrechte Festivals des Undergrounds („Festival der anderen Kultur“) statt.
Zu den Konzerten reisen teilweise mehrere hundert Menschen aus der ganzen ČSSR an. Die Veranstaltungen werden zu einer Manifestation des Undergrounds und erhalten damit einen konkreten politischen Charakter.

Im März 1976 wird die Band verboten und ihre Mitglieder verhaftet. Die hohen Haftstrafen von 8 bis 18 Monaten wegen „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ lösen Unverständnis und Proteste im In- und Ausland aus. Wenngleich nur Wenige mit der Musik etwas anfangen können, die Diffamierung der jungen Leute als „Drogensüchtige, Alkoholiker und Kriminelle“ bedeutet für viele einen Angriff des totalitären Systems auf die Freiheit der Menschen.

Plastic People of the Universe: Magické noci (5:33)
Der Song „Magische Nacht“ ist ein vertonter Text von Egon Bondy. Eine erste von vielen Veröffentlichungen des Titels beruht auf einem Konzertmitschnitt im Hause Havel am 1.10.1977 im Rahmen eines „Festivals der anderen Kultur“. (Quelle: archive.org)


my underground Bild
Der Fotograf Abbé Libánský dokumentiert in seinem Fotobuch den subkulturellen Hintergrund der Charta 77.

 

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Die massive Unterdrückung durch die Staatsgewalt führt 1978 im Rahmen der Charta 77 zur Gründung des "Ausschuss zur Verteidigung unschuldig Verfolgter“ (Výbor na obranu nespravedlive stílhaných - VONS). Das polnische „Komitee zur Verteidigung der Arbeiter“ (KOR) dient dabei als Vorbild.

title=1978 kommt es im Riesengebirge zu einem Treffen von Mitgliedern der Charta 77 und des polnischen KOR. V.l.: Marta Kubiśova, Václav Havel – ČSSR; Adam Michnik, Jacek Kuron - Polen | Quelle: ČTK
1978 kommt es im Riesengebirge zu einem Treffen von Mitgliedern der Charta 77 und des polnischen KOR. V.l.: Marta Kubiśova, Václav Havel – ČSSR; Adam Michnik, Jacek Kuron - Polen | Quelle: ČTK

Ziel von VONS ist es, offenkundig ungesetzlich festgenommen Menschen auf der Grundlage von Bürger-Petitionen zu helfen. Da die Behörden auf keine der Petitionen reagieren, druckt man die Forderungen als Flugblätter.

Stiftung Charta 77Hilfe kommt auch aus dem Ausland, wo viele verfolgte Tschechen und Slowaken im Exil leben. 1978 gründet der emigrierte Atomphysiker František Janouch in Stockholm die „Stiftung Charta 77“. Die Stiftung leistet finanzielle Hilfe für Dissidenten und ihre Familien, informiert die westliche Öffentlichkeit über Verfolgungen, fördert die Herausgabe von Büchern und Zeitschriften im Ausland und lässt der Opposition technische Hilfe zukommen. Sie verleiht Literaturpreise wie den Jaroslav-Seifert-Preis.
Bis 1989 fließt allein über diese Stiftung ein Betrag von 19 Millionen Kronen in die Tschechoslowakei.

Die Charta 77 bildet die Grundlage für ein breites zivilgesellschaftliches Bündnis.
Hier engagieren sich z.B.:
→ Christen (Otta Bednáŕova, Kamila Bendova, Ladislav Hejdánek, Václav Vaśko)
→ Ex-Kommunisten (Jiŕi Dienstbier, Jiŕina Šiklova, Petr, Pithart, Miroslav Kusŷ)
→ Vertreter des Undergrounds (Frantiśek Stárek, Petruśka Šustrova)
→ Trotzkisten (Petr Uhl)
→ Liberal-Demokraten (Václav Havel, Jan Ruml)

(z.n.: Tomaś Vilimek: Die Opposition in der ČSSR und in der DDR – unveröffentlichtes Manuskript)

In den Folgejahren kommt es zu einer Vielzahl von oppositionellen Aktionen. Viele Dissidenten müssen dafür hohe Haftstrafen in Kauf nehmen.

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Mit der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) in Helsinki im Sommer 1975 versuchen erstmals die Staaten West- und Osteuropas unter Einbeziehung der USA und Kanada die Entspannung in Europa durch multilaterale Zusammenarbeit zu sichern.
Bis auf Albanien unterschreiben alle sozialistischen Länder Europas am 1. August die Schlussakte von Helsinki. Es werden Leitlinien zur Verbesserung der sicherheitspolitischen, wirtschaftlichen und humanitären Beziehungen aufgestellt. So verpflichten sich die Unterzeichner u.a. zur Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten. Dieser Passus bildet die Grundlage osteuropäischer Menschenrechtsgruppen, die nun die jeweiligen Regime in die Pflicht nehmen.

Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) in Helsinki | Quelle: Bundesarchiv

Wer einmal die Freiheiten des Prager Frühlings persönlich erfahren hat, der ist mit der Wiederherstellung des poststalinistischen Systems der „Normalisierung“ in der ČSSR „doppelt“ eingeschränkt. Um die neue alte Ordnung zu sichern, bedient sich die Kommunistische Partei Repressionsmethoden der 1950er Jahre. Unbequeme Personen werden aus dem öffentlichen Leben entfernt, verhaftet und eingesperrt.
Besonders nachvollziehbar ist dies im kulturellen Bereich. Im Umkehrschluss entwickelt sich daraus eine vielfältige Subkultur.

Illegale Schallplattenmärkte | Quelle: ČTK
Illegale Schallplattenmärkte | Quelle: ČTK

Prag 1975: Jeden Sonntag finden in Prag und in anderen Städten illegale Schallplattenmärkte statt. Hier können Jugendliche die Musik ihrer westlichen Lieblingsbands bekommen. Wenn die Polizei derartige Märkte auflöst, finden sie daraufhin immer wieder an anderen Orten statt.

Jan Kavan, Prag 1969 | Quelle: ČTKDer seit der Niederschlagung des Prager Frühlings in London lebende tschechoslowakische Journalist Jan Kavan gründet 1974 die „Palach Press Agency“, die zum publizistischen Medium der tschechoslowakischen Opposition und später vor allem der Charta 77 wird.
Er gründet außerdem den „Jan Palach Informations- und Forschungsfond“ (JPIRT), der die Opposition der ČSSR mit Büchern, technischer Ausrüstung und die Untergrund-Universitätsseminare unterstützt.

east european reporter

Weiterhin gründet Jan Kavan die „Osteuropäische Kulturstiftung“ (EECF) und die vierteljährlich erscheinende Zeitschrift „East European Reporter“, in der wichtige Dokumente und Texte von Dissidenten aus Ost- und Mitteleuropa erscheinen.
Wegen seiner Aktivitäten verliert er 1979 die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft.

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Am 16. Januar 1969 verbrennt sich der Student Jan Palach auf dem Prager Wenzelsplatz selbst. Er will damit seinen Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings zum Ausdruck bringen. In seinem Abschiedsbrief heißt es:

Abschiedsbrief Jan Palach | Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft

Jan Hus | Quelle: archive.orgAm 19. Januar erliegt Jan Palach seinen schweren Verbrennungen. 200.000 Menschen versammeln sich auf dem Wenzelsplatz. Seine Kommilitonen benennen den Platz vor dem Hauptgebäude der Philosophischen Fakultät der Prager Karls-Universität von „Platz der Roten Armee“ in „Jan-Palach-Platz“ um. Am 24. Januar wird er unter landesweiter Anteilnahme bestattet. Das Begräbnis wird durch die feierliche Aufbahrung in der Prager Universität zu Füßen einer Statue von Jan Hus zu einer Massendemonstration an der sich 10.000 Menschen beteiligten. (Quelle: archive.org)

 

Jan Palach | Quelle: ČTK

Es folgen zwei weitere Selbstverbrennungen als politisches Fanal.

Es folgen zwei weitere Selbstverbrennungen als politisches Fanal

 

Václav Havel: „Man muss einen anderen, neuen Weg finden.“
Die spätere Symbolfigur der „Charta 77“ mahnt bereits in dem Dokumentarfilm „Tryzna“ (Totenfeier, 1969) von Vlado Kubenko jetzt nicht in Apathie zu verfallen, sondern seine politischen Forderungen zu äußern. (Quelle: archive.org)

 

Im Jahr 1969 durchziehen weitere Massenproteste das Land.

Siegesfeier in Prag | Quelle: ČTKAm 28.März kommt es zu einer „Siegesfeier“ der besonderen Art. Bei der Eishockey-Weltmeisterschaft in Schweden treffen die Teams der Tschechoslowakei und der Sowjetunion aufeinander. Als die Mannschaft der ČSSR überraschend gewinnt ist dies nicht nur ein sportlicher Sieg: Stellvertretend werden die Besatzer geschlagen. Es feiern eine halbe Million Menschen auf den Straßen.
In Prag wird das Büro der sowjetischen Fluggesellschaft „Aeroflot“ zerstört. Die Aktion wird vom Geheimdienst gelenkt, um Moskau einen Vorwand zu liefern, weiter Druck auf Dubček auszuüben.

Zurück im Kreise der sozialistischen „Familie“: v.l.: Honecker, Husák, Ulbricht, Berlin, 1971 | Quelle: ČTKGustav Husák, seit April 1968 stellvertretender Ministerpräsident, wird am 17. April als KP-Chef eingesetzt, nachdem Dubček am 12. April zurücktrat. Staatspräsident Svoboda bleibt zwar im Amt, tritt jedoch in seiner Bedeutung hinter Husák zurück.
Die Reformen werden rückgängig gemacht und einer Stationierung sowjetischer Truppen im Land zugestimmt. Im Zuge der „Normalisierung“ werden hunderttausende Parteimitglieder überprüft und ggf. ausgeschlossen. Rundfunk und Fernsehen werden mit linientreuen Genossen besetzt. Kirchen werden geschlossen und Publikationsverbote ausgesprochen. Künstler und Akademiker müssen sich in Fragebögen zu ihrer Gesinnung äußern und die Rechtmäßigkeit des Einmarschs anerkennen. Gängige Disziplinierungsmethoden sind Arbeitsverlust, Studienverbot, soziale Degradierung und vor allem die Zerstörung jeglicher Zukunftsaussichten für die Kinder, indem ihnen höhere Bildung verwehrt wird.
Viele Menschen verlassen das Land und gehen ins Exil.

Brno, 1969 | Quelle: ČTKAm 21. August, dem ersten Jahrestag des "Tages der Schande" wie er nun genannt wird, sind zehntausende Menschen auf der Straße. Besonders in Brno kommt es zu Zusammenstößen mit den Besatzungstruppen. In Prag versammeln sich die Menschen bereits am 19. August auf dem Wenzelsplatz. Am Tag darauf werden Barrikaden errichtet. Wieder rollen Panzer – doch diesmal tschechische. In Folge dieser Ereignisse verschärft die Regierung die Strafmaßnahmen.
Die Sanktionen erreichen ihr Ziel– Einschüchterung und Resignation machen sich breit.

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„Prager Frühling“ – eine Begriffsbestimmung

Das seit 1946 stattfindende Musikfest „Prager Frühling“ wird zum Namensgeber des liberalen Kurses in der ČSSR. Das international angelegte Fest klassischer Musik bemüht sich von Anfang an um Weltoffenheit. Spätestens seit 1964 verkörpert es unmittelbar einen Aufbruch und Neuanfang, denn jetzt ist auch kulturpolitischer Raum für neue tschechische Musik.
Seit 1963 verwenden westliche Medien den Begriff im doppelten Sinne und beziehen sich dabei auf die neuen kulturpolitischen Impulse durch die Kafka-Konferenz 1963, die ebenfalls im Frühjahr stattfand.

Infografik


„Sozialismus mit menschlichem Antlitz“

Alexander Dubček (r.) und Ludvík Svoboda (l.) | Quelle: ČTK Anfang 1968 wird Novotný entmachtet. Im Januar wird zunächst Alexander Dubček (r.) neuer Parteichef und im März löst Ludvík Svoboda (l.) den alten Staatspräsident ab. Daneben wird die Regierung umgebaut. Die Reformer können sich gegenüber den Altkadern durchsetzen.
Eine der ersten Amtshandlungen der neuen Regierung ist eine Teilamnestie für politische Gefangene und die Einstellung der Strafverfolgung für „Republikflüchtlinge“.
Die neuen Verhältnisse im Nachbarland locken tausende DDR-Touristen an, die sich hier mit Druckerzeugnissen und Schallplatten aus dem Westen eindecken.

Am 5. April beschließt die KPČ das Aktionsprogramm „Der Weg der Tschechoslowakei zum Sozialismus“. Darin geht es um den komplexen Übergang vom Sozialismus sowjetischen Typs zum demokratischen Sozialismus.

Infografik - Sozialismus mit menschlichem Antlitz

Quelle: archive.org
Quelle: archive.org

Im März 1968 wird die Zensur abgeschafft. Jetzt heißt es selbst „Schlange stehen“ vor Zeitungskiosken. Es setzt ein öffentlicher Diskurs in der Gesellschaft ein.

SED-Chef Walter Ulbricht auf der Pressekonferenz nach einem Treffen mit Dubček in Karlovy Vary am 13.8.1968

Am 24. April kommt der Dokumentarfilm „Čas ktory zijeme“ („Die Zeit, in der wir leben“) des slowakischen Regisseurs Vlado Kubenko in die Kinos. Der Film dokumentiert die ersten Monate des Jahres 1968. Die Filmemacher schaffen ein Porträt der Sorgen, Nöte und Hoffnungen der Menschen zu Beginn des „Prager Frühlings“.
Ein Jahr später wird der Film verboten.

„Der Fehler lag bei Novotný.“
„Wir stießen nur auf taube Ohren.“
 
Eduard Goldstücker: „Kein antislowakisches Denken“
Gustav Husák: „Die Meinung des Volkes wird gefragt sein.“
 
Prudy: “Wahrheit und Lüge“
  


 

PDF Download: Manifest der 2000 Worte Bild: vusta/iStockphoto Zu heftigen Diskussionen führt das am 27. Juni veröffentlichte „Manifest der 2000 Worte“ des Schriftstellers Ludvík Vaculík. Darin übt er scharfe Kritik an der alten Funktionärsriege und fordert eine rasche Liberalisierung. 40.000 Menschen unterzeichnen den Aufruf. In der Folge wird nun auch offen die führende Rolle der KPČ in Frage gestellt.
Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft

Nach der Invasion kursiert der bittere Witz: „Gegen jedes der 2000 Worte haben sie einen Panzer geschickt!“

 

Invasion der „Warschauer Fünf“

„Dubček – Halten Sie durch“

Čierná nad Tisou, 29.7.1968 | Quelle: ČTK
Čierná nad Tisou, 29.7.1968 | Quelle: ČTK

Sozialistisches Tribunal:
23.3. Dresden: In dem bis zuletzt geheim gehaltenen Treffen der Parteichefs der Sowjetunion, der DDR, Polens, Ungarns, Bulgariens und der ČSSR wird die Möglichkeit einer militärischen Lösung angedacht: Es werden „konkrete Maßnahmen zur Stärkung des Warschauer Vertrages und seiner Streitkräfte“ angekündigt.
8.5. Moskau: Unter Ausschluss der Tschechoslowakei trifft sich die Führungsspitze der Sowjetunion, der DDR, Polens, Ungarns und Bulgariens („Warschauer Fünf“). Die Möglichkeit einer militärischen Intervention wird ab jetzt real. Mit „Zustimmung“ Dubčeks wird ein gemeinsames Militärmanöver in der ČSSR vereinbart.
20.-30.6. Militärmanöver „Šumava“: Offiziell sollen militärische Defensivstrategien der Armeen des Warschauer Paktes geübt werden. Anzunehmen ist jedoch, dass es um praktische Übungen einer militärischen Intervention geht. Die sowjetischen Streitkräfte bleiben bis zum 3. August auf tschechoslowakischem Boden.
15.7. Warschau: Nach einem Treffen – wiederrum unter Ausschluss der ČSSR – richtet die Koalition eine eindeutige Drohung in Richtung Prag. In einem Brief an die KPČ-Führung spricht sie von „Konterrevolution“ und nimmt sich das Recht zur Einmischung heraus.
29.7. Čierná nad Tisou: In dem bilateralen Treffen zwischen Dubček und Breschnew an der slowakisch-sowjetischen Grenze fordert die sowjetische Seite die Wiederherstellung der alten Machtstrukturen in der tschechoslowakischen Gesellschaft.
3.8. Bratislava: Die KPČ wird gezwungen mit den „Warschauer Fünf“ eine gemeinsame Position zu unterschreiben. Damit soll Einigkeit demonstriert werden. Gleichzeitig haben sich die „Warschauer Fünf“ eine Grundlage für eventuelle Sanktionen bei Nichteinhaltung geschaffen.
18.8. Moskau: Auf einem geheimen Treffen beschließen die „Warschauer Fünf“ die Invasion für die Nacht vom 20. auf den 21. August zur Wiederherstellung des kommunistischen Machtmonopols.

 

Quelle: ABL

Sowjetische Truppen landen kurz vor Mitternacht auf dem Flugplatz von Prag, gleichzeitig überschreiten sowjetische, polnische, ungarische und bulgarische Truppen die Grenzen und besetzen innerhalb von 36 Stunden das gesamte Land.

Panzersperre | Quelle: ABL / B. Steven
Panzersperre | Quelle: ABL / B. Steven"

Radio Prag: „Gegen 23 Uhr überquerten Truppen die Staatsgrenze.“
Um 3:55 Uhr rollen die Panzer direkt in das Zentrum von Prag. Bereits um 1:00 Uhr hatte Radio Prag die Bevölkerung über die Invasion informiert und zu Ruhe und Besonnenheit aufgerufen. Quelle: archive.org

Sofort nach der Besetzung werden Dubček und das gesamte Präsidium der KPČ verhaftet und nach Moskau geflogen. Die Sowjets versuchen, eine eigene Regierung zu installieren. Die KPČ beruft daraufhin am 22. August einen außerordentlichen Parteitag ein, der den Abzug der Besatzungstruppen und die Freilassung der gefangen gehaltenen Parteiführer fordert. Obwohl über sein Schicksal nichts bekannt ist, wird Dubček mit überwältigender Mehrheit als Parteichef bestätigt.

Strassenbahn mit Aufschrift Dubcek | Quelle: ABL / B. Steven
Strassenbahn mit Aufschrift Dubcek | Quelle: ABL / B. Steven

Am dritten Tag der Besetzung fliegt Staatspräsident Svoboda in die Sowjetunion, um direkte Gespräche aufzunehmen. Die gefangen gesetzten Regierungsmitglieder werden auf Bemühen Svobodas zu den Verhandlungen hinzugezogen. Isoliert von der Bevölkerung, ohne Informationen über die Geschehnisse in ihrem Land und einem gewaltigen Druck durch die Sowjetunion ausgesetzt, stimmen Dubček und die anderen Regierungsmitglieder nach viertägigen Verhandlungen am 26. August dem "Moskauer Protokoll" zu. Darin akzeptieren sie die Absetzung einiger der Regierungsmitglieder, darunter Ota Šik, und verpflichten sich, ihren Widerstand aufzugeben und für Ruhe und Ordnung im Land zu sorgen. Im Gegenzug erkennt Moskau Teile des Reformprogramms und die Regierung Dubček an. Außerdem verpflichtet sich die Sowjetunion zur Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten der Tschechoslowakei. Das Abkommen legalisiert im Nachhinein die Invasion.

Alexander Dubček : „Lasst uns vereint bleiben.“
Am 27. August ruft Dubček in einer emotionalen Rundfunkansprache seine Landsleute dazu auf, den Widerstand aufzugeben. Quelle: archive.org

Die sowjetischen Zugeständnisse werden in der Folgezeit zurückgenommen. Dubček wird im Jahr darauf entmachtet und als Botschafter in die Türkei abgeschoben. 1970 folgt der Parteiausschluss. Danach arbeitet er streng überwacht in einem Forstbetrieb.

Widerstand

Schleife der tschechoslowakischen Trikolore | Quelle: ABLZum Symbol des Protestes wird die Schleife der tschechoslowakischen Trikolore, die sich die Menschen an ihre Kleidung stecken. Unmittelbar nach der Invasion beginnt der aktive und passive Widerstand. In vielfältiger Weise versucht man, sich den Besatzern zu erwehren.

 

Zeitablauf

Überall, auf Schaufenstern und Hausmauern, auf Lokomotiven und Waggons, auf PKWs und Lastwagen, auf Straßen und Telefonzellen werden Zeichnungen, Karikaturen und Parolen angebracht, die den Soldaten zeigen, wie unerwünscht sie sind.

Quelle: ABL / B. Steven

PDF Download: 10 Gebote des passiven Widerstandes Bild: vusta/iStockphoto"10 Gebote des passiven Widerstandes"
Wesentliche Bedeutung für die Organisation des Widerstandes haben die Massenmedien. Zwar behindern die Besatzer deren Arbeit, unterbinden können sie sie aber nicht. So wird über das Radio und den Zeitschriften u.a. der Verhaltenscodex gegenüber den Besatzern verbreitet.

 

Flugblatt | Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft
Flugblatt | Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft

 

Theater Liberec

Brandenburger in Böhmen
[Titel einer Smetana-Oper]

Nach J.W.Stalin

Regie:
Leonid Breshnew

Dirigent: General Jakubovski

Bühnenbilder und Spezialeffekte:
General Pavlovski

Inspizienten:
Gomulka, Kadar, Shiwkow

Souffleur:
Walter Ulbricht

 

Karel Kryl: „Brüderchen erschrick dich nicht“
Der Liedermacher Karel Kryl schreibt das Lied „Bratřičku, zavírej vrátka“ zwei Tage nach dem Einmarsch. Es avanciert in kürzester Zeit zur Hymne. 1969 verlässt Kryl das Land und geht ins Exil nach München. Es entsteht diese deutsche Fassung. Quelle: Deutsche Nationalbilbliothek, archive.org

Der Widerstand hält eine Woche. Dann übernehmen die Tschechen selbst die Kontrolle im Sinne Moskaus. Die sowjetischen Truppen ziehen sich zurück. Jede gesellschaftliche Teilhabe (Abitur, Studium, Karriere) ist fortan an eine öffentliche Absage an den „Prager Frühling“ gebunden.

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Die niedergeschlagene Alternative in der ČSSR hinterlässt das Bewusstsein, der Staatssozialismus ist nicht reformierbar.

Überschrift

Zeitungsausschnitt

Im Zuge der Wirtschaftsreformen werden ab 1. Januar schrittweise die Preise freigegeben. Wirtschaftslenker Ota Šik spricht von einer „sozialistischen Marktwirtschaft“. Mit der Bundesrepublik kommt es zu einem Abkommen über Handelsvertretungen und Wirtschaftsbeziehungen.
Visafrei

Mit dem 20.Juni wird die Visapflicht für die Einreise in die ČSSR abgeschafft. Innerhalb von 10 Monaten reisen über eine Million DDR-Bürger in die Tschechoslowakei und knapp eine halbe Million Tschechen und Slowaken in die DDR. Gleichzeitig öffnet sich die Tschechoslowakei immer mehr für den Tourismus aus dem Westen, so dass von ostdeutscher Seite eine Unterwanderung und die Möglichkeit deutsch-deutscher Kontakte auf tschechoslowakischem Gebiet befürchten werden.

Versöhnung oder Konfrontation? Poststalinist Novotný und Reformer Dubćek im Mai 1967 | Quelle: ČTK
Versöhnung oder Konfrontation? Poststalinist Novotný und Reformer Dubćek im Mai 1967 | Quelle: ČTK

Die Spannungen zwischen Dogmatikern und Reformern verschärfen sich im Laufe des Jahres immer mehr. So wird z.B. am 31. November ein Studentenprotest wegen der schlechten Bedingungen in ihren Wohnheimen auf Anordnung Novotnýs gewaltsam aufgelöst. Dieses Vorgehen stößt innerhalb des Zentralkomitees der KPČ auf heftige Kritik.
Selbst als UdSSR-Chef Breschnew im Dezember nach Prag kommt, weigert sich dieser, Stellung für den bedrängten Novotný zu beziehen.

Quelle: Neues Deutschland, 1.12.1967
Quelle: Neues Deutschland, 1.12.1967

 

Ein neues Wahlsystem vom Dezember 1967 verspricht, neue Impulse beim gesellschaftlichen Umbau zu setzen. Es entsteht ein vorsichtiger Pluralismus. Von seinem Führungsanspruch rückt die KPČ aber nicht ab, denn es kann nur unter KP-Mitgliedern ausgewählt werden.

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