Archiv Bürgerbewegung Leipzig e.V.

Der in verschiedenen oppositionellen Gruppen engagierte Berliner gibt einen Überblick über die Möglichkeiten, eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen. Das Spektrum reicht von der Herstellung eigener Zeitungen (Samisdat) über Lesecafés in eigenen Bibliotheken. Doch das Informationsbedürfnis der Menschen ist so groß, dass dieser Bedarf mit unabhängigen Medien nicht gedeckt werden kann.

 

  • 1_Schult
  • Ausstellung
  • Collage Samisdat
  • Druckmaschine

Rainer Schult beim Interview, 1989, Quelle: Archiv Bürgerbewegung Leipzig
Ausstellung in der Umweltbibliothek Berlin, Quelle: Robert Havemann Gesellschaft / S. Schefke
Samisdat aus der DDR, Quelle: Archiv Bürgerbewegung Leipzig

Auf dieser Wachsmatrizenmaschine wurden die „Umweltblätter“ der UB Berlin gedruckt, Quelle: Robert Havemann Gesellschaft / S. Schefke

 

Biografisches:

Reinhard Schult (1951-2021)

  • 1971 Baufacharbeiter mit Abitur
  • 1971/72 Theologiestudium (Abbruch)
  • Tätigkeit als Maurer und Heizer
  • ab 1978 in verschiedenen oppositionellen Gruppen aktiv
  • September 1989 Mitbegründer Neues Forum

 

Gesprächsprotokoll:

Länge: 21:49 min

Reinhard Schult gibt Einblicke in die Samisdat-Herstellung. In Berlin können sie mittlerweile schreiben, was sie wollen. Die Verbreitung der Hefte erfolgt DDR-weit. Schult schätzt eine Leserschaft von 10.000, 20.000 Leuten. Eine andere Form der Öffentlichkeit sind Lesecafés und thematische Veranstaltungen. Dazu kommen immer mehr interessierte Leute außerhalb der Gruppenmitglieder. Selbst SED-Genossen kommen, um mal eine andere Meinung zu hören. Sie bleiben allerdings passiv. Prinzipiell ist das Informationsbedürfnis sehr groß und die Nachfrage nach ihren Medien kann den Bedarf nicht decken. Mittlerweile werden auch eigene Buchproduktionen herausgebracht. Als Beispiele nennt Schult eine Textsammlung von Bettina Wegner und nach dem Verbot sowjetischer Zeitschriften das Stück „Weiter … weiter … weiter“ von Michail Schatrow. Eigene Bibliotheken gewinnen immer mehr an Bedeutung. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit gibt es derartige Einrichtungen in Berlin, Jena, Erfurt, Dresden, Leipzig, Greifswald. Trotzdem konstatiert Schult, dass die DDR ein Schlusslicht bei den Veränderungen in Osteuropa bildet. Gründe dafür sieht er in der noch relativ stabilen sozialen und wirtschaftlichen Situation gegenüber Ungarn, Polen, der Sowjetunion. Gerade in Polen und Ungarn sehe eine Mehrheit der Bevölkerung auf Grund der sozialen Auswirkungen den Sozialismus nicht als Alternative an. Also sucht man dort nach neuen Wegen. Anders in der DDR und Schult reflektiert Gründe dafür: Hier gibt es keine konzeptionellen Überlegungen, weder von der Partei noch von der Opposition. Die Gruppen nehmen sich nur bestimmter Teilbereiche an, wie der Ökologie. Zwar entstand dabei eine hohe Mobilisierung, doch andere Bereiche (Wirtschaft, Wahlrecht, Emanzipation, Bildung, Gesundheit) werden wenig beleuchtet. Die Gruppen weigern sich, einen machtpolitischen Diskurs zu führen. Es sind Dinge diskutiert worden, die die Mehrheit der Bevölkerung nicht interessierte. Daher haben die Gruppen wenig Bindung an die Gesellschaft. Zur Isolation trägt auch eine gewisse „Stasi-Neurose“ bei, indem viele neue Leute als Spitzel der Staatssicherheit beäugt werden. Weiterhin spielt die mangelnde Kontinuität einer Opposition in der DDR eine Rolle, da viele Leute in den Westen gegangen sind, wenn der Repressionsapparat zugeschlagen hat. Die Gruppen mussten immer wieder von Null anfangen.

Im Vergleich zu früheren Jahren haben viele Leute aber ihre Angst verloren. Man macht sich auch mal über die Staatssicherheit lustig. Schult erzählt dazu ein Beispiel von Lehrerinnen. Doch immer wieder kommt er darauf zurück, dass die Opposition in der DDR schwach ist und sie keine konzeptionellen Vorschläge für die Zukunft der DDR hat. Unbefriedigend findet er, dass viele Menschen erst nach dem sie einen Ausreiseantrag gestellt haben, den Weg zu ihnen finden. Doch diese Menschen haben kein Interesse mehr, sich produktiv einzubringen. Oft ginge es ihnen nur darum, ihre persönlichen Erfahrungen mit den Behörden öffentlich zu machen. Eine inhaltliche Zusammenarbeit ist auch oft schwierig, da viele Antragsteller den westlichen Konsumversprechen erlegen sind. Die Spannbreite geht bis zu Menschen die nationalistisch eingestellt sind, von denen man sich distanzieren müsse. Mangels von Identifikationsmöglichkeiten für Jugendliche wegen des rigiden Regimes der Volksbildung finden manche ihre Bestätigung in nationalistischen Strömungen.

Um die Situation in der DDR aufrecht zu halten, arbeite die SED mit alten Konzepten. Es finde sich immer wieder eine Mischung aus Lockerungen und Repression. Dazu kommt „Kosmetik“, also Veränderungen, die den Anschein waren sollen (Datenschutz im Strafgesetzbuch, Ausländerwahlrecht).