Die beiden Jugendlichen berichten vom „schwarz wohnen“ und einem DDR-untypischen Lebensstil im Prenzlauer Berg. Zwar finden selbstorganisierte Straßen-, Hof- und Kinderfeste statt, doch wird Anfang der 1980er Jahre auch hier ein Rückzug ins Private deutlich.
Bild 1: Straßenszenerie in der Schönhauser Allee in Berlin-Prenzlauer Berg, Mitte 1980er Jahre, Quelle: Archiv Bürgerbewegung Leipzig / Mahmoud Dabdoub
Bild 2: Berlin, Prenzlauer Berg, Schönhauser Allee / Ecke Dimitroffstraße, 1985, Quelle: Archiv Bürgerbewegung Leipzig / Mahmoud Dabdoub
Bild 3: Berlin, Prenzlauer Berg, Schönhauser Allee, 1986, Quelle: Archiv Bürgerbewegung Leipzig / Mahmoud Dabdoub
Bild 4: Vor der „Bierstube“ - Berlin-Prenzlauer Berg, 1986, Quelle: Archiv Bürgerbewegung Leipzig / Mahmoud Dabdoub
Gesprächsprotokoll:
Stephan und André sprechen über das „Schwarzwohnen“ und das Leben im Prenzlauer Berg. Das Gespräch dauert 42 Minuten.
Stephan erklärt warum gerade im Prenzlauer Berg sich ein DDR-untypisches Leben entwickelt und warum der Stadtteil für viele junge Leute interessant ist. Da sich hier eine große Altbausubstanz mit schlechten Wohnkomfort befindet, bekommen junge Menschen hier eher eine Wohnung. Stephan erklärt wie ein Schwarz—Bezug abläuft und welche Maßnahmen staatlicherseits Ende der 1970er Jahre unternommen wurden, um Wohnraum zu vergeben. Die Entwicklung zum Schwarz-Bezug wird Anfang der 1980er Jahre jedoch kritisch gesehen.
Stephan beschreibt anhand von Beispielen, wie die Menschen in den maroden Häusern leben. Im Interview wird der Unterschied zu anderen Städten mit großer Altbausubstanz herausgearbeitet. Die Bewohner mit ähnlichen Lebensentwürfen verstehen sich allerdings nicht als (geschlossene) „Szene“. Stephan entwirft ein Kaleidoskop von verschiedensten Aktivitäten im Stadtteil. Die offizielle (Kultur-)Politik wird nicht ernst genommen.
Da die jungen Leute in der Regel wenig Geld haben, sind die Wohnungen individuell eingerichtet, je nachdem was man findet oder vielleicht geerbt hat. Das Wohnideal der DDR (Schrankwand, Fernseher, Gardinen) findet man hier nicht. Stephan erzählt Beispiele, wie die Wohnungen von Freunden aussehen. Der Alltag spielt sich in den Wohnungen und einigen Kneipen ab, da es für diese Lebensentwürfe keine öffentlichen Räume (Jugendclubs) gibt. Einzelne Wohnungen werden zum öffentlichen Raum durch Lesungen, Theater, Ausstellungen, Musik. In diesem Zusammenhang kommt die Rede auf die Punks. Ihre Ausgrenzung führt auch zu Vandalismus. Kreative Projekte sind eher selten und haben einen elitären Charakter. Akademische Aussteiger veranstalten Seminare.
Der Zusammenhalt unter den Neu- und Altbewohnern ist eher von der Unterschiedlichkeit geprägt und man toleriert sich. Wenn allerdings staatlicherseits Anfragen oder Besuche kommen, dann hält man zusammen. Die Akzeptanz der jungen Leute im Kiez ist allerdings sehr unterschiedlich. Stephan macht es an den Kneipen fest und nennt „Szene-Kneipen“. Stephan berichtet von einer Fahrrad-Demo, um auf ökologische Missstände aufmerksam zu machen.
Bestandteil des Lebensgefühls sind selbstorganisierte Straßen-, Hof- oder Kinderfeste. Nach Stephans Wahrnehmung werden diese selbstorgansierten Aktivitäten eher geringer. In den Jahren davor gab es mehr. Ursachen sieht er in dem gestiegenen Druck seitens der Staatsmacht mit einem gleichzeitigen Rückzug von Akteuren ins Private. Er setzt diese Entwicklung zur Situation in Polen in Beziehung. Der Militärzustand begrub auch Hoffnungen in der DDR. Am Helmholzplatz gab es eine Aktion mit Solidarność-Losungen.
Fatalistisch äußert sich Stephan über die Umweltproblematik in der DDR. Man könne nichts machen, also beackert man Themen mit größeren Erfolgsaussichten.
