Logo des Archiv Bürgerbewegung Leipzig e.V.Das Archiv Bürgerbewegung Leipzig e.V. (ABL), gegründet 1991 von ehemals aktiven Mitgliedern kirchlicher Basisgruppen und unterschiedlichen Oppositionsbewegungen der DDR, sammelt die hinterlassenen Selbstzeugnisse der DDR-Opposition, der Bürgerbewegung und der in den Jahren 1989/90 entstandenen Initiativen und Parteien, um diese zu sichern, dauerhaft aufzubewahren, zu erschließen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Regionaler Schwerpunkt ist der ehemalige Bezirk Leipzig.

Der gesamte Archivbestand umfasst derzeit ca. 220 laufende Meter und enthält Schriftgut aus der Tätigkeit der kirchlichen Basisgruppen in Leipzig, aber auch von DDR-weit aktiven Oppositionsgruppen, dokumentiert die Repressionen durch das Ministerium für Staatssicherheit und andere staatliche Organe, die Ereignisse im Herbst 1989 sowie den Aufbau demokratischer Strukturen ab 1989. Die meisten Archivalien stammen aus den 1980er Jahren. Im Archivbestand findet man aber auch Unterlagen zum 17. Juni 1953 und punktuell zu den 1960er und 1970er Jahren. Hinzu kamen in den letzten Jahren vermehrt Unterlagen, welche sich mit der Erinnerungskultur und der Aufarbeitung der SED-Diktatur nach 1989/1990 auseinandersetzen sowie einige umfangreiche (persönliche) Sammlungen bzw. Vorlässe. Eine Präsenzbibliothek, ein umfangreiches Presse-, Foto-, Ton- und Videoarchiv, eine Plakatsammlung, nahezu einhundert audiovisuelle Zeitzeugeninterviews, hunderte Zeitungen und Zeitschriften sowie ein umfangreicher Samisdatbestand ergänzen diese Sammlung.

Blick in das Archiv des Archiv Bürgerbewegung Leipzig e.V.Grundlage des heutigen Archivs bildet die "Markusbibliothek". Sie wurde im Herbst 1988 analog zur Berliner Umweltbibliothek gegründet. Die politisch-alternativen Gruppen hatten zuvor die Schaffung eines Kommunikationszentrums für ihre Arbeit gefordert. Die Leipziger Markusgemeinde mit Pfarrer Rolf-Michael Turek an der Spitze stellte diesen ihre "Gemeindebibliothek" als "Umweltbibliothek" einige Stunden pro Woche zur Verfügung. Dort konnten u.a. die Publikationen der politisch-alternativen Gruppen eingesehen werden. Nach den Festnahmen am Rande einer Montagsdemonstration am 11. September 1989 wurden dort ganz gezielt Unterlagen und Daten zu den Ereignissen des Herbst `89 wie Flyer, Augenzeugenberichte oder auch die Anzahl der Demonstrationsteilnehmer etc. gesammelt.

 

Blick in das Archiv des Archiv Bürgerbewegung Leipzig e.V.Diese einmaligen authentischen Quellen des politischen Widerstandes und der Oppositionsbewegungen in der ehemaligen DDR findet man in keinem staatlichen Archiv. Die Sammlung oppositionellen Schriftgutes ist einerseits in keinem staatlichen oder kommunalen Archiv als Pflichtaufgabe verankert. Andererseits sind diese oft nicht in der Lage diese vielfältigen Überlieferungen zu sichern – vor allem aufgrund der „Distanz vieler Initiativen und Personen zu diesen Institutionen“. Hier tritt eine Problematik der Quellensicherung bei zivilgesellschaftlichen Gruppen bzw. oppositionell tätigen Menschen in der ehemaligen DDR zutage, die bis heute anhält. Negative Erfahrungen mit staatlichen Einrichtungen führen zu einem anhaltenden fehlenden Vertrauen gegenüber staatlichen Institutionen. Das Archiv Bürgerbewegung Leipzig, dessen Träger ein gemeinnütziger eingetragener Verein gleichen Namens ist, in dem auch heute noch zahlreiche ehemalige Oppositionelle aktiv mitwirken, verfügt hingegen über eine besondere Vertrauensbasis seitens der ehemals Oppositionellen. Ohne staatlichen Sammlungsauftrag bewahrt das ABL einmalige Zeugnisse von Mut, Zivilcourage und dem Sturz einer Diktatur auf. Es leistet einen signifikanten Beitrag zur Erinnerungskultur, in dem es dieses einmalige nationale Kulturgut aufbewahrt, erschließt und für die Öffentlichkeit zugänglich macht.

Der breit gefächerte Archivbestand dient der Erinnerung an das geschehene Unrecht und an die Opfer der kommunistischen Diktatur. Das Archiv leistet mit seinem ausgewählten Sammlungsprofil, der Überlieferungssicherung, dem Erschließen und dem „öffentlich machen“ der zusammengetragenen Dokumente und Unterlagen einen grundlegenden Beitrag zur Erforschung und Auseinandersetzung mit der jüngsten (ost-)deutschen Geschichte und den Folgen der SED-Diktatur. Der Archivbestand ermöglicht zugleich die Forschung und Aufarbeitung über die reine Repressionsgeschichte hinaus.

 

Verfassungskoffer des Archiv Bürgerbewegung Leipzig e.V.Für seine Tätigkeit wurde das Archiv Bürgerbewegung Leipzig im Jahr 2014 mit dem Deutschen Nationalpreis ausgezeichnet. Es erhielt den Preis zum einen für die geleistete Archivarbeit, das Bewahren der Erinnerung an Opposition, Widerstand und die Leipziger Montagsdemonstrationen und zum anderen als politischer Bildner, der (nicht nur) jungen Leuten die Ereignisse des Herbstes 1989 und das Ringen um Demokratie nahe bringt. Wie bisher werden wir uns auch künftig der kontinuierliche Erweiterung unserer Archivbestände, der Aufbewahrung und archivwissenschaftlichen Erschließung und dem Bereitstellen für die unterschiedlichsten Benutzergruppen widmen sowie der historisch-politischen Bildungsarbeit, den Wander- und Internetausstellungen und dem Erstellen von Publikationen und Schülerprojekten, für die unser Archivmaterial immer die Grundlage darstellen wird.